
Es ist Dienstagmorgen, 8:30 Uhr. Während viele Studierende sich gerade auf den Weg in den Hörsaal machen, sind die Masterand:innen des Digital-Health-Studiengangs am HPI längst unterwegs – nicht an der Universität, sondern im Krankenhaus. Sie sind Teil des Seminars "Digital Health Spark", das einmal im Jahr vom Fachgebiet "Digital Health Economics & Policy" gemeinsam mit der HPI Engine in Kooperation mit den Vivantes Kliniken Berlin angeboten wird.
Unter dem Motto "Igniting Need-Driven Innovation in Healthcare" arbeiten die Studierenden zwei Wochen lang in realen klinischen Settings. Sie beobachten Abläufe, identifizieren konkrete Herausforderungen und entwickeln darauf aufbauend wertbasierte Health-Tech-Lösungen – inspiriert von der Stanford-Biodesign-Methodik.
Bild: Bei einer Abschlusspräsentation haben die Masterstudierenden des "Digital Health Spark"-Seminars ihre Health-Tech-Lösungen gepitcht. Anzeigen
"Need-driven bedeutet, dass wir ganz im Sinne des Human Centered Designs mit der Desirability beginnen, also mit dem echten Bedarf und Wunsch der zukünftigen Nutzer:innen. So vermeiden wir reine Push-Innovationen", erklärt Dr. Philipp Stoffers, Program Manager und Initiator des Digital Health Spark.


Zwischen Papier und Klinikalltag
Ein zentrales Element des Seminars sind vier Tage Clinical Shadowing im Ida-Wolff-Krankenhaus und im Humboldt-Krankenhaus in Berlin. Die Studierenden durchlaufen unter anderem die Radiologie, die Pädiatrie, den Zentral-OP und das Herzkatheterlabor. Dort beobachten sie Workflows, sprechen mit Ärzt:innen und Pflegekräften, dokumentieren Pain Points und identifizieren bislang ungedeckte Bedarfe, direkt am Ort des Geschehens.
"Der Digital Health Spark wurde direkt für die Studierenden konzipiert. In einer Umfrage nannten sie als größten Wunsch eine Field Study und die Möglichkeit, interdisziplinär zu arbeiten. Direkte Erfahrungen ermöglichen zum einen das Sicherstellen der Desirability, schützen aber auch vor vorschnellen Lösungsideen. Nur so entsteht ein empathischer Ansatz, der offen ist für Bedürfnisse, an die man vorher vielleicht gar nicht gedacht hat", so Dr. Stoffers.
Dass dieser Ansatz funktioniert, bestätigen auch die Ärzt:innen der Vivantes Kliniken. Martin Schwarz, Oberarzt der Radiologie im Vivantes Krankenhaus in Neukölln, beschreibt:
Mit den Studierenden hat man festgestellt, dass bestimmte Fragestellungen, die wir hier vor Ort mit unseren Patienten haben, sich für sie so noch nie gestellt haben. Manche Dinge sind auf dem Papier total klug – aber in der Realität stoßen sie an Grenzen. Ich glaube, es ist gut, wenn Menschen, die später im Gesundheitssystem wirken, hier kennenlernen, wie die Realität für Patienten und Mitarbeitende tatsächlich aussieht.
Bild: Martin Schwarz, Oberarzt in der Radiologie, vermittelt den Studierenden realistische Einblicke in den Klinikalltag imVivantes Krankenhaus Neukölln Anzeigen

Bild: Oberarzt Martin Schwarz (links) und HPI-Forscher Dr. Philipp Stoffers an einem Kernspintomographen. Dr. Philipp Stoffers (rechts) vom HPI-Lehrstuhl "Digital Health, Economics and Policy" hat das Seminar für die Masterstudierenden initiiert. Anzeigen
Auch die Kliniken profitieren vom Austausch. Michèle Kluge, erste Digital Nurse bei Vivantes, verbindet pflegerische Praxiserfahrung mit Innovations- und Digitalisierungskompetenz. Sie sagt:
Wir haben einen festgefahrenen Blick. Wir sind seit Jahren in Kliniken unterwegs und kennen alles in- und auswendig. Und dann kommen junge neue Köpfe und schauen mit einem anderen Blick auf Dinge, die wir durch unsere Routine vielleicht längst übersehen haben. Das finde ich persönlich total wertvoll.
Von der Idee zur konkreten Lösung
Dass aus dem Digital Health Spark nicht nur Ideen, sondern konkrete Projekte entstehen, zeigen Beispiele aus den vergangenen Jahren.
Mehr Transparenz für Eltern: "PediCare"
Auch in diesem Jahr sind die Studierenden im Klinikalltag wieder auf zentrale Herausforderungen gestoßen. Paula, Masterstudentin mit psychologischem Hintergrund, identifizierte während des Shadowings in der Pädiatrie ein wiederkehrendes Problem: fehlende Transparenz und Unsicherheit bei Eltern. "Wir hatten den Eindruck, dass viele Eltern nicht informiert waren über das, was eigentlich passiert und welche Prozesse ablaufen. Da waren ganz viele offene Fragen: Darf ich mit meinem Kind im Krankenhaus bleiben? Wann geht es nach Hause? Was wird hier eigentlich gemacht?"
Ihr Team entwickelte daraufhin "PediCare", einen digitalen Begleiter, der Eltern von der Aufnahme bis zur Entlassung durch Abläufe, Diagnosen und Termine führt. Die Lösung soll in bestehende Patientenportale integriert werden, Sprachbarrieren reduzieren und Eltern stärker einbinden – ohne zusätzlichen Aufwand für Ärzt:innen oder Pflegekräfte.
Für Paula war dieser Praxiseinblick entscheidend:
Das war eigentlich mein Hauptinteresse, als ich dem Digital-Health-Programm am HPI beigetreten bin. Ich sehe mich selbst auf der Brücke zwischen der Welt der Gesundheit und der Digitalisierung.

Bild: HPI-Masterstudentin Paula und ihr Team wollen mit "PediCare" Eltern unterstützen. im Vivantes Krankenhaus Neukölln Anzeigen
Dass diese Brücke notwendig ist, bestätigt auch Dr. Lorenz Reill, Oberarzt in der Kardiologie: "Wir haben viel Erfahrung im analogen Bereich und das, was hier stattfindet, würden wir gerne weitergeben an Leute, die das aus einer digitalen Perspektive betrachten. Das macht für mich totalen Sinn."
Weniger Dokumentationsaufwand: "SmartIR"
Neben Kommunikation tauchte ein weiteres Thema immer wieder auf: Dokumentation. Krishna, Masterstudentin mit Bachelor in Biomedizintechnik, beobachtete während des Shadowings vor allem die fragmentierte Systemlandschaft im Krankenhaus. "Die meisten Ärzte haben gesagt, dass Informationen im Krankenhaus mehrfach in verschiedene Systeme eingegeben werden müssen. Die Systeme sind nicht miteinander verbunden."
Ihr Projekt "SmartIR" setzt genau hier an. Die Lösung für die interventionelle Radiologie soll bestehende Technologien – Sprach-zu-Text-Dokumentation, automatisierte Bildaufnahme und Produktscans – miteinander verknüpfen. So könnten relevante Informationen automatisch in die Patientenakte übertragen werden. Am Ende eines Eingriffs wäre die Dokumentation nahezu abgeschlossen und müsste nur noch verifiziert werden.
Innovation aus der Klinik selbst
Auch Dr. Volker Hesselmann, Chefarzt für Neuroradiologie, sieht hier dringenden Handlungsbedarf.
Was uns als Mediziner neben der hohen Beanspruchung, Patienten gesund zu machen, erschlägt, sind Dokumentation, Abläufe und die Weitergabe von Informationen. Der Bedarf ist nach wie vor hoch – vor allem im Workflow.

Bild: Um Schlaganfälle schneller behandeln zu können, hat Dr. Volker Hesselmann, Chefarzt der Neuroradiologie, gemeinsam mit Kolleg:innen und Expert:innen einen KI-Prototypen entwickelt. Dr. Volker Hesselmann, Chefarzt für Neuroradiologie, an seinem Schreibtisch Anzeigen
Er entwickelte gemeinsam mit Kolleg:innen und KI-Expert:innen ein KI-basiertes System zur Unterstützung in der Schlaganfallversorgung. Die Software analysiert Bildgebung und klinische Daten direkt in der Notaufnahme, um Therapieentscheidungen schneller und fundierter zu unterstützen. Der Prototyp wird aktuell in einer klinischen Umgebung getestet.
Genau solche Initiativen aus dem Fachpersonal heraus zeigen, wie dringend praxisnahe, technologiegetriebene Lösungen im Gesundheitswesen benötigt werden – und warum Programme wie der Digital Health Spark den systematischen Austausch zwischen Klinik und Innovation ermöglichen.
Von der Lösung zum Startup
Wer aus einer Idee mehr machen möchte, kann im Anschluss am Product Builder Digital Health der HPI Engine teilnehmen. Das Programm unterstützt unter anderem dabei, Lösungen weiter zu validieren, Prototypen zu entwickeln und Geschäftsmodelle zu schärfen. Ziel ist es, aus frühen Konzepten reale, skalierbare Produkte zu entwickeln und damit Innovation nicht nur zu denken, sondern umzusetzen.
Weitere Informationen zu dem Kurs gibt es hier.
Die Studierenden des Digital-Health-Spark-Seminars bei ihrer Abschlusspräsentation am HPI
Text: Mareike Schreiber
Quelle: Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering gGmbH
Bildmaterial: Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering