
DGIM-Kongress rückt digitale Transformation in den Fokus. Künstliche Intelligenz ist in der Medizin längst keine Zukunftsvision mehr, sondern beginnt, den klinischen Alltag konkret zu verändern. KI-Systeme unterstützen bei der Dokumentation, analysieren große Daten-mengen und helfen, Therapieentscheidungen individueller zu treffen. Welche Chancen und Grenzen sich daraus ergeben, steht im Fokus des 132. Internistenkongresses der Deutsch-en Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) vom 18. bis 21. April 2026 in Wiesbaden.
Auch auf der Eröffnungs-Pressekonferenz am Samstag, 18. April 2026, wird das Thema aufgegriffen: Dort erläutern Expertinnen und Experten aktuelle Entwicklungen und Perspektiven der KI in der Medizin. Um 14.30 Uhr wird es zudem einen Rundgang durch die Industrieausstel-lung für die Medien geben – Thema sind Innovationen aus den Bereichen digitale Medizin und Diabetologie.
Was vor wenigen Jahrzehnten noch als Vision galt, wird zunehmend Realität: Dank Künstlicher Intelligenz wird die Zusammenarbeit von Arzt und Computer immer besser. „Wir stehen an einem Punkt, an dem digitale Systeme nicht mehr nur unterstützen, sondern aktiv in Prozesse eingreifen – etwa indem sie Dokumentation übernehmen oder Abläufe koordinieren“, sagt Professor Dr. Dr. med. Jens Kleesiek, Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin, Universitätsklinikum Essen und Universität Duisburg-Essen. „Das wird die medizinische Versorgung grundlegend verändern,“ sagt Kleesiek.
Klassische Entscheidungsunterstützung im klinischen Alltag ist eine Aufgabe, die digitale Anwendungen heute längst zuverlässig übernehmen können. Noch mehr Potenzial misst der Essener Experte sogenannten agentischen Systemen bei. Anders als klassische KI-Anwendungen, die vor allem analysieren oder unterstützen, können KI-Agenten eigenständig handeln: Sie erstellen beispielsweise Arztbriefe, organisieren Untersuchungen oder stoßen Prozesse aktiv an. Angesichts zunehmender Dokumentationspflichten, immer komplexerer Behandlungsprozesse und eines zunehmenden Fachkräftemangels werden digitale Lösungen so zu einem zentralen Baustein, wenn es um die Sicherung der Versorgung geht. „Ohne digitale Unterstützung werden wir die steigenden Anforderungen in der Versorgung künftig nicht mehr bewältigen können“, so der KI-Experte.
KI sinnvoll nutzen: Was Ärztinnen und Ärzte brauchen
Damit KI ihr Potenzial entfalten kann, braucht es vor allem qualitativ hochwertige, strukturierte und interoperable Daten. Moderne Standards wie Fast Healthcare Interoperability Resources (HL7, FHIR, OMOP Common Data Model) oder Digital Imaging and Communications in Medicine (DICOM) ermöglichen es, medizinische Informationen – von strukturierten Patientendaten bis hin zu Bilddaten – so aufzubereiten, dass sie auch für Maschinen nutzbar sind. Zudem braucht es eine leistungsfähige technische Infrastruktur mit Rechenzentren und sicheren Datenräumen – eine Voraussetzung, die laut Kleesiek entscheidend dafür ist, KI-Modelle nicht nur anzuwenden, sondern auch selbst zu entwickeln und zu trainieren. Entscheidend bleibt jedoch der Mensch: „Wir brauchen Ärztinnen und Ärzte mit medizinischer Expertise, die die Potenziale der Technologie verstehen und sie sinnvoll in ihren Prozessen einsetzen“, so Kleesiek.
DGIM Futur: KI im klinischen Alltag – von der Vision zur Anwendung
Wie diese Entwicklungen konkret in der Praxis ankommen, zeigt der DGIM-Kongress im Forum DGIM Futur. Dort stehen konkrete Anwendungen im Vordergrund: von Large Language Models im Klinikalltag über KI-gestützte Diagnostik bei seltenen Erkrankungen und Triagierung in der Notaufnahme bis hin zu digitalen Ökosystemen, DiGA-Updates, virtueller Endoskopie, immersiver Lehre oder Spracherkennung in der Pflege. Live-Demonstrationen, Use-Cases und interaktive Formate machen sichtbar, wie digitale Werkzeuge bereits heute eingesetzt werden – und wo ihre Grenzen liegen.
„DGIM Futur veranschaulicht digitale Innovationen dort, wo sie letztlich wirken sollen: im klinischen Kontext“, sagt der Marburger Nephrologe Professor Dr. med. Ivica Grgic, der DGIM Futur verantwortet. „Wir zeigen hier ganz konkret, was heute schon funktioniert – und diskutieren gleichzeitig kritisch, wo Evidenz, Standards und klare Rahmenbedingungen noch fehlen.“
Zwischen Fortschritt und Verantwortung
Wie sich digitale Innovationen verantwortungsvoll in die Versorgung integrieren lassen, bleibt eine zentrale Herausforderung, der sich die DGIM und ihre Mitglieder aktiv stellen. Neben Datenqualität und Infrastruktur sind klare Rahmenbedingungen und eine fundierte Bewertung der Anwendungen erforderlich. „Der Fortschritt wartet nicht. Jetzt kommt es darauf an, die Chancen aktiv zu ergreifen und diese Entwicklung im Sinne der Patientinnen und Patienten zu gestalten“, ergänzt Professor Dr. Georg Ertl, Generalsekretär der DGIM, abschließend.
Quelle: © Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V.
Symbolbild: KI-Illustration, generiert mit ChatCPT/OpenAI