
Das Vitalsensorikpflaster ViseKat soll drahtlos Vitaldaten für Einsatzkräfte liefern
Im Forschungsprojekt ViseKat entwickeln Forschende ein drahtloses Vitalsensorikpflaster für den Katastrophenfall, das Einsatzkräfte bei der Einschätzung und kontinuierlichen Überwachung von Patientinnen und Patienten unterstützen soll. 2026 wurde der Forsch-ungsantrag bewilligt – bis 2029 soll ein Prototyp entstehen, der insbesondere im Szenario eines Massenanfalls von Verletzten (MANV) zusätzlichen Handlungsspielraum durch verlässliche Echtzeitdaten schaffen kann. Im Interview ordnet Norman Pfeiffer, Gruppen-leiter Medizinische Sensorsysteme am Fraunhofer IIS, die Ziele und Herausforderungen des Vorhabens ein.
Bild: Visualisierung der Datenübertragung eines Sensorpflasters. © Fraunhofer IIS
Bei einem sogenannten MANV stoßen Rettungsdienste schnell an ihre Grenzen. Welches konkrete Problem aus der heutigen Katastrophen- und Notfallmedizin adressieren Sie mit Ihrer Forschung an ViseKat – und warum besteht hier aus Ihrer Sicht ein besonders dringender Handlungsbedarf?
Bei einem Massenanfall von Verletzten müssen medizinische Entscheidungen unter extremem Zeit‑ und Personalmangel getroffen werden. Die Triage basiert meist auf einer kurzen Momentaufnahme: Vitalparameter werden einmal erhoben, anschließend fehlen häufig die Kapazitäten, um den Zustand der Patientinnen und Patienten kontinuierlich zu überwachen. Kritische Verschlechterungen werden dadurch unter Umständen zu spät erkannt – mit direkten Auswirkungen auf die Überlebenschancen.
Mit ViseKat adressieren wir genau diese Lücke zwischen Vorsichtung und weiterer Versorgung. Unser Ziel ist es, Einsatzkräfte dabei zu unterstützen, Veränderungen des Patientenzustands frühzeitig zu erkennen und Behandlungsprioritäten dynamisch anzupassen. Unsere Vision ist eine Optimierung des Prozesses insgesamt. Technologische Unterstützung kann dabei helfen, knappe Ressourcen besser und gezielter einzusetzen. Dies ist gerade vor dem Hintergrund zunehmender Extremwetterereignisse, globaler Krisen und komplexer Einsatzlagen zunehmend relevant.
Im Projekt ViseKat entwickeln Sie ein drahtloses Sensorpflaster, das mehrere Vitalparameter gleichzeitig erfasst und überträgt. Was macht diesen Ansatz besonders – und auf welche bestehenden Forschungsschwerpunkte und Erfahrungen am Fraunhofer IIS konnten Sie dabei aufbauen?
Der besondere Ansatz von ViseKat liegt in der Kombination aus einfacher Anwendbarkeit und kontinuierlicher Aktualisierung des Lagebildes sowie dem Potenzial, die Technologie auch über MANV-Einsätze hinaus anwenden zu können. Im Einsatz sollen zwei Sensorpflaster am Patienten appliziert werden: auf der Stirn und auf der Brust. Die Pflaster erfassen anschließend kontinuierlich Atmung, Herzrate, Sauerstoffsättigung und weitere physiologische Größen, geben Schätzungen für den Blutdruck und übertragen diese patientenspezifischen Daten drahtlos und in Echtzeit an die Einsatzleitung.
Am Fraunhofer IIS können wir dabei auf langjährige Forschungsschwerpunkte in der medizinischen Datenerfassung, der sensornahen Signalverarbeitung sowie der energieeffizienten, drahtlosen Datenübertragung zurückgreifen. Somit erfassen wir Biosignale in medizinischer Qualität unter realen Bedingungen und nicht nur in kontrollierten Laborumgebungen. Diese Kombination aus technologischer Tiefe und konkreter Anwendungsnähe ermöglicht es uns, eine Lösung zu entwickeln, die realistische Einsatzszenarien von Anfang an mitdenkt.
Der Einsatz im Katastrophenfall stellt ganz besondere Anforderungen an Technik und Menschen. Welche Herausforderungen ergeben sich, wenn neue Sensortechnologien wie ViseKat tatsächlich unter realen Einsatzbedingungen funktionieren sollen – und wie berücksichtigen Sie diese Aspekte bereits in der Forschung am Fraunhofer IIS?
Im Katastrophenfall müssen Systeme extrem robust, schnell einsatzbereit und intuitiv bedienbar sein. Gleichzeitig arbeiten Einsatzkräfte unter hohem Stress, oft unter widrigen Umweltbedingungen und mit minimaler Zeit für Einweisung oder Fehlerkorrekturen.
Genau diese Rahmenbedingungen sind für uns ein zentraler Ausgangspunkt der Forschung. Wenn wir Sensorik in Alltagsgegenstände oder Einsatzsysteme integrieren, steht immer der Mensch im Mittelpunkt – also die Nutzerinnen und Nutzer und ihre konkreten Anforderungen in der realen Anwendung. Ziel ist es, bestehende Versorgungsprozesse sinnvoll zu unterstützen und zu verbessern. Deshalb fließen bei ViseKat reale Bedarfe aus dem medizinischen Katastrophenschutz von Beginn an in die Entwicklung ein. Dafür stehen wir in engem Austausch mit unseren Projekt- und Praxispartnern, dem Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC und dem Institut Rettungswesen, Notfall- und Katastrophenmanagement IREM der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt.
Das Interview führten: Norman Pfeiffer - Gruppenleiter Medizinische Sensorsysteme & Dr. Grit Nickel, Content-Redakteurin
Quelle: © Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS
Bild: © Fraunhofer IIS