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MHB baut Gefäßmedizin in Brandenburg mit Früherkennung und KI aus
Category : Klinik-News
Published by Kerstin Müller on 29.09.2026 06:00

Von der Früherkennung bis zur KI: MHB baut Gefäßmedizin im Land Brandenburg aus

Weltweit sind fast 320 Millionen Menschen von einer peripheren arteriellen Verschluss-krankheit (pAVK) betroffen, die umgangssprachlich auch als „Schaufensterkrankheit“ bezeichnet wird. Anlässlich einer aktuellen Initiative der Deutschen Gesellschaft für Ge-fäßchirurgie und Gefäßmedizin e. V. (DGG) macht die Medizinische Hochschule Branden-burg Theodor Fontane (MHB) auf die Bedeutung von Prävention, Früherkennung und einer flächendeckenden Versorgung aufmerksam.

Bild: Fortschreitende Gefäßverengung als Ursache der Schaufensterkrankheit (pAVK): Durch Plaque-Ablagerungen (Atherosklerose) verengt sich die Schlagader stufenweise (von rechts nach links), was zu Durchblutungsstörungen in den Beinen führt.

Dazu erscheint aktuell eine Serie von klinischen Publikationen über die pAVK in der Fachzeitschrift The Lancet, die eine der ältesten, bekanntesten und einflussreichsten medizinischen Fachzeitschriften der Welt ist.  Gemeinsam mit ihren Universitätsklinika baut die MHB die gefäßmedizinischen Kapazitäten und Forschungsaktivitäten im Land Brandenburg weiter aus.

Spezialisierte Versorgung gegen drohende Versorgungslücken

Gerade in weitflächigen Regionen wie Brandenburg treffen eine alternde Bevölkerung und eine hohe Belastung durch Risikofaktoren wie Diabetes mellitus und Arteriosklerose auf besondere Herausforderungen bei der medizinischen Versorgung. Durch strukturelle Veränderungen in der Kliniklandschaft drohen insbesondere in ländlichen Regionen Versorgungslücken.

Die MHB wirkt dieser Entwicklung mit ihrem Universitätsklinikverbund an den Standorten Neuruppin, Brandenburg an der Havel und Bernau entgegen. Der Verbund bietet hochspezialisierte gefäßmedizinische Leistungen und versorgt dabei auch Patient*innen über die Landesgrenzen Brandenburgs hinaus.

„Die Schaufensterkrankheit wird in der Bevölkerung häufig unterschätzt und nicht so ernst genommen wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall. Dabei ist der Zustand der Beingefäße ein wichtiger Hinweis auf die Gesundheit des gesamten Herz-Kreislauf-Systems“, erklärt Prof. Dr. med. Irene Hinterseher, Professorin für Gefäßchirurgie und Vizepräsidentin der MHB sowie Chefärztin der Klinik für Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg (ukrb) in Neuruppin. „Unser Ziel ist es, Gefäßerkrankungen möglichst früh zu erkennen und durch eine enge Verzahnung von ambulanter und stationärer Medizin Komplikationen bis hin zu Amputationen zu verhindern.“

Mehr Sprechstunden, neue Interventionen und Gefäßsport

Um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden, hat das ukrb seine gefäßmedizinischen Kapazitäten in den vergangenen Monaten kontinuierlich erweitert. Die gefäßchirurgische Hochschulambulanz baut ihr Angebot von derzeit drei Tagen pro Woche ab November 2026 weiter aus.

Für komplexe endovaskuläre Eingriffe steht ein entsprechend ausgestatteter OP-Bereich zur Verfügung. Darüber hinaus hat die interventionelle Radiologie kürzlich zwei neue Angiographieplätze in Betrieb genommen und damit die Möglichkeiten für minimalinvasive Katheterbehandlungen erweitert. Das Versorgungsspektrum reicht von stationären Betten in der Gefäßchirurgie und Angiologie über eine spezialisierte angiologische Praxis in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ)  bis hin zum Angebot einer Gefäßsportgruppe im Reha-Zentrum.

Auch die weitere Spezialisierung der Versorgung ist geplant: Die Zertifizierung als Gefäßzentrum sowie die Eröffnung eines Wundzentrums stehen kurz bevor.

Früherkennung rückt stärker in den Fokus

Viele Patient*innen suchen aufgrund ihrer Beschwerden erst in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium medizinische Hilfe. Die MHB setzt daher verstärkt auf niedrigschwellige Angebote zur Früherkennung. Dazu gehören die Patient*innentage der Hochschulambulanz sowie das etablierte Lauflabor der Hochschulklinik für Angiologie am Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. med. Ivo Buschmann. Dort werden unter anderem Screening-Untersuchungen wie der Knöchel-Arm-Index durchgeführt. Mit diesem einfachen und schmerzfreien Verfahren lässt sich feststellen, ob Hinweise auf eine Durchblutungsstörung der Beine bestehen.

Darüber hinaus beschäftigt sich die MHB mit der Frage, wie sich der Zustand der Gefäße unabhängig vom tatsächlichen Lebensalter bestimmen lässt. Mithilfe spezialisierter Laborwerte und der FMD-Messung (flussvermittelte Dilatation) untersucht sie unter anderem die Gefäßfunktion. Die Ergebnisse können Hinweise darauf geben, wie stark das biologische Alter der Gefäße vom Kalenderalter eines Menschen abweicht. Bei Menschen mit Arteriosklerose können die Gefäße dabei deutlich stärker vorgeschädigt sein, als es das tatsächliche Lebensalter erwarten lässt.

Innovative „Flussmedizin“ für Patient*innen mit eingeschränkter Gehfähigkeit

Neben der Früherkennung untersucht die MHB neue Ansätze zur Behandlung von Gefäßerkrankungen. Im gemeinsamen Projekt „ECMAdigital“ des Universitätsklinikums Brandenburg an der Havel (UKB) und der Technischen Hochschule Brandenburg (THB), gefördert aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), wird eine innovative Form der „Flussmedizin“ untersucht, bei der durch gezielte Veränderungen des Blutflusses biologische Signalwege in den Gefäßen aktiviert werden sollen.

In dem Projekt, das vonseiten der MHB von PD Dr. rer. nat. Philipp Hillmeister geleitet wird, wird über externe Manschetten an den Extremitäten der Blutfluss gezielt beeinflusst. Die dabei erzeugten Strömungsreize sollen ähnliche biologische Prozesse auslösen wie körperliches Ausdauertraining. Der Ansatz könnte insbesondere für Patient*innen interessant sein, die aufgrund ihrer Beschwerden nur eingeschränkt gehfähig sind und deshalb herkömmliches Gehtraining nur schwer durchführen können.

Digitale Vernetzung verbessert die Versorgung chronischer Wunden

Ein weiterer Schwerpunkt der sektorenübergreifenden Strategie ist die digitale Vernetzung mit dem ambulanten Bereich und regionalen Partnern. „Wir entwickeln derzeit ein überregionales Wundzentrum als Online-Plattform. Dieses soll Patientinnen und Patienten mit chronischen Wunden in ganz Nordwestbrandenburg einen niedrigschwelligen Zugang zu unserer Expertise ermöglichen“, erklärt Prof. Hinterseher. „Über die Plattform sollen Befunde und Bilder der Wunden übermittelt werden können. Im Rahmen einer sektorenübergreifenden Wundkonferenz beurteilen wir diese Befunde und geben konkrete Therapieempfehlungen.“

In das Netzwerk sind auch regionale Partner wie das Krankenhaus in Perleberg eng eingebunden. Ergänzend kommen moderne Wundbehandlungsverfahren wie Kaltplasmatherapie, hyperbare Sauerstofftherapie und neuartige biologische Materialien zum Einsatz.

Internationale Forschung von der Lancet Clinical Series bis zur künstlichen Intelligenz

Auch in der Forschung ist die Gefäßmedizin der MHB national und international eingebunden. Über eine APL-Professur  ist Prof. Dr. med. Christian-Alexander Behrendt an der MHB wissenschaftlich verankert. Behrendt ist Medizinisch-Wissenschaftlicher Direktor des Forschungs- und Registerinstituts der europaweit mitgliederstärksten Fachgesellschaft der Gefäßmedizin und fungiert als Koordinator und Autor der dreiteiligen Lancet Clinical Series zur pAVK sowie zahlreicher Leitlinien zum Thema.

Darüber hinaus beteiligt sich die MHB an gefäßmedizinischen Forschungsprojekten. Dazu gehört das EU-geförderte Projekt VASCUL-AID, in dem der Einsatz künstlicher Intelligenz in der Gefäßmedizin untersucht wird. Ziel ist es unter Anderem, Risiken individueller Krankheitsverläufe besser einzuschätzen und dadurch die Themen Prävention und Behandlung weiterzuentwickeln.

Mit WARRIORS ist die MHB zudem an einer multizentrischen Studie zur optimalen Behandlung von Bauchaortenaneurysmen bei Frauen beteiligt, die unter anderem durch die DGG und deren Forschungs- und Registerinstitut gefördert wird. WARRIORS widmet sich gezielt geschlechtsspezifischen Fragestellungen in der Gefäßmedizin. „Eine moderne Gefäßmedizin muss mehrere Ebenen miteinander verbinden: Wir müssen Erkrankungen früher erkennen, Patientinnen und Patienten wohnortnah versorgen und gleichzeitig neue diagnostische und therapeutische Verfahren entwickeln. Genau diese Verbindung von Versorgung, Digitalisierung und Forschung ist unser Anspruch“, so Prof. Hinterseher.

Kontakt
Prof. Dr. Irene Hinterseher
Professur für Gefäßchirurgie
Chefärztin Klinik für Gefäßchirurgie, ukrb
E-Mail: irene.hinterseher@mhb-fontane.de

 

Quelle: © MEDIZINISCHE HOCHSCHULE BRANDENBURG Theodor Fontane

Bild: © MEDIZINISCHE HOCHSCHULE BRANDENBURG Theodor Fontane