
Vernetzte Medizintechnik, IoMT, digitale Patientenpfade – Smart-Hospital-Ziele sind formuliert. Doch in Bestandsgebäuden scheitert die Umsetzung häufig nicht an fehlenden Anwendungen, sondern an der Infrastruktur. Eine Ist-Analyse eines großen österreich-ischen Krankenhauses zeigt: Logisch redundante Leitungen verlaufen physisch durch denselben Steigschacht. OT-Systeme laufen in Inselnetzwerken mit heterogenen Switches. Medizintechnik und IT teilen Netzsegmente, die nie für diesen Zweck gebaut wurden. Und übergreifende Governance fehlt fast vollständig. Dieser Beitrag zeigt, was daraus zu lernen ist – und wo sich die regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Österreich unterscheiden.
Das untersuchte Krankenhaus: Bestand in seiner ganzen Komplexität
Die der Analyse zugrunde liegende Masterarbeit (Hochschule Campus Wien, 2026) untersuchte die Infrastruktur eines österreichischen Bestandskrankenhauses. Im Mittelpunkt stand der operative Bereich – Zentral-OP, IMC und ICU – als besonders anforderungsreiches Segment für Smart-Hospital-Anwendungen. Die Datenbasis umfasst technische Dokumentationen, Vor-Ort-Begehungen sowie Expertengespräche mit Fachverantwortlichen der jeweiligen Bereiche.
Methodisch kombiniert die Arbeit eine systematische Literatur- und Best-Practice-Analyse (14 internationale Fallstudien) mit einer strukturierten Ist-Analyse des österreichischen Hauses. Die Infrastruktur wurde dabei entlang von vier Schichten bewertet: passive Netzwerkinfrastruktur, aktive Netzwerkinfrastruktur inkl. OT, Nachrichtentechnik (NT) und Medizintechnikintegration (MT). Ergänzend erfolgte eine Reifegradbewertung in Anlehnung an das INFRAM-Modell (Infrastructure Adoption Model) sowie eine SWOT-Analyse und eine Nutzen-Aufwand-Matrix zur Priorisierung.
Was die Ist-Analyse konkret gezeigt hat
Die Befunde sind exemplarisch für viele Bestandskrankenhäuser in der DACH-Region – und gleichzeitig präzise genug, um konkrete Schlüsse zu ziehen:
Passive Netzwerkinfrastruktur: Redundanz auf dem Papier, nicht in der Realität
Das Krankenhaus verfügt über eine Kombination aus Kupferverkabelung (2-/4-/8-Draht, RJ45 CAT) für Endgeräte und Lichtwellenleiter (LWL, Single- und Multimode) für die Backbone-Verbindungen. Die LWL-Strecken sind in der Mehrzahl logisch redundant ausgeführt – physisch verlaufen die redundanten Leitungen jedoch häufig durch denselben Steigschacht. Eine echte physische Wegeredundanz besteht damit in weiten Teilen nicht. Bei einem Schachtbrand oder Kabelschaden könnte die primäre und die Ausweichleitung gleichzeitig ausfallen. Für klinisch kritische Bereiche wie OP oder ICU ist das ein ernstes Risiko.
Hinzu kommen fehlende Reserven: Trassen, Technikräume und Ports wurden für frühere Anforderungen geplant. Der wachsende Bedarf durch WLAN-Ausbau, vernetzte Medizintechnik und IoMT-Komponenten stößt in vielen Bereichen bereits an Kapazitätsgrenzen.
Operational Technology: Insellösungen mit Sicherheitsrisiken
Die OT-Systeme des Krankenhauses – Gebäudeautomation, Klimatechnik, Energieversorgung, Brandschutz – werden von der technischen Betriebsführung in eigenständigen Netzwerken betrieben. Die technische Verantwortung liegt bei den jeweiligen Gewerken, nicht zentral. Jede Erneuerung von OT-Anlagen führt zu eigenen Inselnetzwerken mit jeweils eigenen Servern, Backuplösungen und Fernwartungszugängen.
Das Ergebnis: eine heterogene aktive Netzwerkinfrastruktur mit OT-Switches unterschiedlicher Hersteller, unterschiedlicher Softwarestände und ohne einheitliches Monitoring. Moderne IT-Security-Mechanismen – Segmentierung, zentrale Protokollierung, Patch-Management – lassen sich auf diesen Systemen nur eingeschränkt implementieren. Unter den Anforderungen von NIS-2 bzw. dem österreichischen NISG ist dieser Zustand mittelfristig nicht haltbar.
Nachrichtentechnik: Gewachsen, nicht geplant
Das Haus setzt auf eine breite Palette von Kommunikationssystemen: Telefonvermittlung, VoIP, IP-DECT, Lichtruf- und Alarmierungsanlagen, Videoüberwachung, Zutrittskontrolle, Gegensprechanlagen. Diese Systeme wurden über Jahre ergänzt – nicht als integrierte Gesamtarchitektur geplant. Die Folge sind Medienbrüche, parallele Systeme und unklare Verantwortlichkeiten zwischen IT, NT und Facility Management.
Medizintechnikintegration: TECHNET als Stärke, Datenverfügbarkeit als Schwäche
Das Krankenhaus betreibt TECHNET als eigenständiges medizintechnisches Netzwerk – ein konzeptuell sinnvoller Ansatz zur Trennung von klinischer IT und Medizintechnik. Vernetzte Medizinprodukte, RIS/PACS und PDMS sind eingebunden. Allerdings ist die Datenverfügbarkeit im INFRAM-Reifegrad nur auf Stufe 2 eingestuft: IoT-Anwendungen im Routinebetrieb fehlen, Interoperabilität muss ausgebaut werden, eine durchgängige Datenbasis für automatisierte Auswertungen ist nicht vorhanden.
Reifegrad: Wo steht das Haus wirklich?
Die INFRAM-basierte Reifegradbewertung ergibt ein differenziertes Bild:
→ Infrastrukturgrundlagen: Stufe 3 – grundlegende Strukturen und erste Asset-Management-Ansätze vorhanden; fehlende Standardisierung und Integration verhindert Stufe 4.
→ Datenverfügbarkeit: Stufe 2 – grundlegende Konzepte bei heterogenen, nur teilweise integrierten Systemen; keine durchgängige Datenbasis für IoT oder Automatisierung.
→ Nachhaltigkeit/Governance: Stufe 4 – Maßnahmen zur Identifikation nicht mehr benötigter Endgeräte und Verkabelung werden umgesetzt; Umweltmanagement verankert.
→ Bereichsübergreifende Governance: Nicht vollständig etabliert – das übergeordnete Team für IKT, OT, NT und MT existiert als Anforderung, ist aber noch nicht aufgebaut.
Das zentrale Ergebnis: Das Haus weist belastbare Grundlagen auf – TECHNET, segmentierte Netzbereiche, erste Standardisierungsansätze. Gleichzeitig reichen diese Grundlagen noch nicht, um umfassende Smart-Hospital-Anwendungen dauerhaft zu tragen. Die fehlende physische Wegeredundanz, die OT-Insellösungen und die unvollständige Governance sind die kritischen Engpässe.
Regulatorischer Rahmen: Was in Österreich und Deutschland gilt – und wo es sich unterscheidet
Für die Leserschaft des Krankenhaus-IT Journals in Deutschland sind die österreichischen Befunde direkt relevant – die technischen Herausforderungen sind identisch. Die regulatorischen Rahmenbedingungen unterscheiden sich jedoch in wichtigen Punkten:

Für deutsche Krankenhäuser ergibt sich daraus ein schärferer kurzfristiger Handlungsdruck: Das NIS2UmsuCG gilt seit Dezember 2025 ohne Übergangsfrist, die BSI-Registrierungspflicht lief bis März 2026. Wer noch kein dokumentiertes ISMS betreibt, riskiert bei einem Sicherheitsvorfall erhebliche Konsequenzen – bis zur persönlichen Haftung der Geschäftsführung. Der KHZG-Abschlag von bis zu 2 % auf DRG-Erlöse kommt ab 2026 hinzu.
Österreichische Häuser unterliegen dem NISG, das strukturell vergleichbare Anforderungen definiert, aber ohne das finanzielle Sanktionsinstrument des KHZG auskommt. Die Umsetzungsgeschwindigkeit ist damit weniger extern getrieben – was den Befunden der Ist-Analyse entspricht: Das untersuchte Haus hat solide Grundlagen, aber keinen externen Fristdruck, der kurzfristige Investitionen erzwingt.
Was zu tun ist: Handlungsempfehlungen aus der Analyse
Die SWOT-Analyse und die Nutzen-Aufwand-Matrix der Masterarbeit priorisieren die Maßnahmen in drei Zeithorizonte. Diese Logik ist auf jedes Bestandskrankenhaus in der DACH-Region übertragbar:
Kurzfristig – Grundlagen schaffen (ohne die braucht nichts anderes zu funktionieren)
→ Physische Wegeredundanz prüfen: Bestandsaufnahme aller LWL-Trassen: Verlaufen primäre und Ausweichleitung wirklich physisch getrennt? Wenn nicht: Priorisierung der kritischsten Bereiche (OP, ICU, RZ).
→ OT-Bestandsaufnahme und Risikobewertung: Inventar aller OT-Systeme, Netzwerkzugehörigkeit, Softwarestände, Fernwartungszugänge. Identifikation ungepatchter oder nicht segmentierter Systeme – NIS-2/NISG-Pflicht.
→ Governance-Struktur definieren: Klärung der Verantwortlichkeiten zwischen IKT, OT, NT und MT. Ohne bereichsübergreifendes Team bleibt jede technische Maßnahme wirkungslos.
→ Netzwerkdokumentation aktualisieren: Aktuelle Netzpläne, Asset-Inventar, Schnittstellendokumentation – Voraussetzung für alle weiteren Schritte und für NIS-2-Nachweise.
Mittelfristig – Infrastruktur auf Smart-Hospital-Niveau bringen
→ Physische Wegeredundanz herstellen: Neue Trassen in kritischen Bereichen, getrennte Steigschächte, ggf. Ringtopologie.
→ OT-Segmentierung und zentrales Monitoring: OT-Netzwerke in definierte Zonen überführen, einheitliche Switch-Standards einführen, zentrales SIEM.
→ ISMS aufbauen: ISO 27001 oder BSI IT-Grundschutz (B3S in Deutschland). Auch in Österreich sinnvoll als Nachweis gegenüber Aufsichtsbehörden.
→ Medizintechnik-Asset-Management einführen: Geräteflotten, Softwarestände, Netzwerkfreigaben zentral erfassen und versionieren.
Langfristig – Strategische Zielarchitektur
→ Interoperabilitätsstrategie: HL7 FHIR als Standard für Schnittstellen zwischen KIS, PDMS, Medizintechnik und zukünftigen IoMT-Systemen.
→ IoMT-Roadmap: Schrittweiser Ausbau vernetzter Medizintechnik auf Basis einer belastbaren Datenbasis – aufbauend auf den mittelfristigen Maßnahmen.
→ Übergreifende Digitalisierungsstrategie: Governance, Investment-Planung und strategische Zielarchitektur als gemeinsames Dokument von IT, MT, OT und NT.
Fazit: Infrastruktur ist keine Selbstverständlichkeit
Die Ist-Analyse des österreichischen Krankenhauses ist kein Einzelfall. Sie zeigt exemplarisch, was in vielen Bestandshäusern der DACH-Region gilt: Grundlagen sind vorhanden, aber nicht ausreichend für die nächste Digitalisierungsstufe. Logische Redundanz ohne physische Trennung, OT-Insellösungen ohne zentrales Monitoring, Governance-Lücken zwischen Gewerken – das sind die realen Hindernisse für Smart Hospital im Bestand.
Der regulatorische Rahmen in Deutschland (NIS-2, KHZG) erzeugt dabei einen kurzfristigen Handlungsdruck, den österreichische Häuser in dieser Form nicht kennen. Wer in Deutschland noch kein ISMS betreibt, keine physische Wegeredundanz in kritischen Bereichen hat und OT-Systeme ungesegmentiert betreibt, ist in einer riskanten Position – regulatorisch und operativ.
Smart Hospital beginnt nicht bei der Anwendung. Es beginnt bei der Frage: Trägt die Infrastruktur, was wir vorhaben? Die Antwort erfordert Transparenz, Priorisierung und eine Governance-Struktur, die über Abteilungsgrenzen hinausgeht. Daran führt kein Weg vorbei – unabhängig davon, ob das Haus in Wien, München oder Graz steht.
Über diesen Beitrag
Grundlage: Masterarbeit von Ing.in Iris Stütz, B.Sc. | Studiengang Technisches Management – Clinical Engineering | Hochschule Campus Wien, 2026
Betreuung: Dr. Eveline Prochaska, TU Dresden · FH-Prof. DI Philipp Rosenberger, PhD, Hochschule Campus Wien
Methodik: Literatur- und Best-Practice-Analyse (14 Fallstudien, international) · Ist-Analyse eines österreichischen Großkrankenhauses · Reifegradbewertung nach INFRAM · SWOT-Analyse · Nutzen-Aufwand-Matrix
Untersuchter Bereich: Operativer Bereich (Zentral-OP, IMC, ICU) eines österreichischen Bestandskrankenhauses; Datenerhebung via Dokumentenanalyse, Vor-Ort-Begehung und Expertengespräche
Relevante Normen und Gesetze im Überblick
NIS2UmsuCG (DE): In Kraft seit 6.12.2025 · gilt für KH ab 50 MA oder 10 Mio. € Umsatz · BSI als Aufsichtsbehörde · Registrierung bis 6.3.2026
NISG (AT): Österreichische NIS-2-Umsetzung · Behörde: BMLV / CERT.at · strukturell ähnlich, andere Schwellenwerte und Meldewege
B3S (DE): Branchenspezifischer Sicherheitsstandard Medizinische Versorgung · anerkannter Nachweis für NIS-2-Konformität
KHZG / KHZF (DE): 4,3 Mrd. € Fördervolumen · mind. 15 % IT-Sicherheitsanteil je Fördertatbestand · Abschlag bis 2 % DRG ab 2026
ISO 27001: Internationaler Standard für ISMS · Grundlage für NIS-2-Compliance in AT und DE · empfohlen auch ohne gesetzliche Pflicht
IEC 80001: Risikomanagement für IT-Netzwerke mit Medizingeräten · gilt in AT und DE gleichermaßen · Grundlage für sichere MT-Integration
MDR (EU): Medizinprodukteverordnung · gilt für Software und vernetzte Geräte, die medizinische Entscheidungen beeinflussen · AT und DE identisch
DigitalRadar (DE): Verpflichtende Reifegradmessung für KHZG-geförderte KH · Ø 55 Punkte 2026 (von 100) · kein AT-Äquivalent
Quelle: Iris Stütz · Hochschule Campus Wien | Dr. Eveline Prochaska · TU Dresden
Krankenhaus-IT Journal, Ausgabe 04 / 2026 - Stand August 2026
Symbolbild: Rustum/AdobeStock