Politische Entscheidungen blockieren digitale Gesundheitsversorgung

Veröffentlicht 12.06.2026 09:30, Kerstin Müller

Nur 14 Prozent der elektronisch verordneten Digitalen Gesundheitsanwendungen werden aktiviert – 20 Millionen Versicherte sind vom Zugang ausgeschlossen.

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) gelten international als eines der sichtbarsten Innovationsprojekte des deutschen Gesundheitswesens. Doch aus Sicht des Spitzen-verbands Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) gefährden aktuelle regulatorische und technische Entwicklungen zunehmend den Zugang von Patientinnen und Patienten zu digitalen Therapien sowie die Zukunft einer ganzen Branche.

Während der neue E-Rezept-Prozess in der Praxis dazu führt, dass viele Patientinnen und Patienten ihre verordnete Therapie nicht beginnen, drohen technische Anforderungen, Millionen Versicherte von der DiGA-Nutzung auszuschließen.

Das E-Rezept als Zugangshürde

Mit dem elektronischen Rezept für Digitale Gesundheitsanwendungen sollte der Zugang für die Patientinnen und Patienten niedrigschwelliger werden. Die aktuellen Daten zeichnen jedoch ein anderes Bild: Derzeit werden lediglich 14 Prozent der elektronisch verordneten DiGA tatsächlich aktiviert.

Seit Einführung des neuen Verfahrens im Januar 2026 sind die DiGA-Aktivierungen rückläufig: Während sie von Januar bis Mai 2025 noch um 25 Prozent gestiegen waren, sind sie im gleichen Zeitraum 2026 um 13 Prozent gesunken. Im Mai 2026 lagen sie unter dem Vorjahresmonat – das gab es bisher noch nicht. (Grafiken siehe Anhang)

Das Problem ist nicht die Idee – das Problem ist der Weg. Wer seine digitale Therapie einlösen will, muss zusätzliche Apps herunterladen und sich entweder über eine Gesundheits-ID in der Krankenkassen-App oder eine PIN für die Gesundheitskarte authentifizieren. Viele verfügen über diese Zugangsdaten nicht oder brechen den komplizierten Prozess auf dem Weg ab.

20 Millionen Versicherte sind durch das BSI-Zertifikat von der DiGA-Nutzung ausgeschlossen

Zusätzlich verschärfen neue technische Anforderungen die Situation. DiGA müssen ein Datensicherheitszertifikat des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vorweisen. Das Ziel – Datensicherheit – ist richtig, doch in der Praxis bedeutet das: Bestimmte Betriebssystemversionen werden von den Anforderungen nicht mehr unterstützt.

Wer ein Smartphone besitzt, das beispielsweise ein Android-Betriebssystem unterhalb der Version 14 verwendet, kann keine DiGA mehr nutzen. Rund 45 Prozent aller Android-Nutzer in Deutschland verwenden solche Geräte. Das entspricht etwa 20 Millionen gesetzlich Versicherten.

Besonders hart trifft es ältere Menschen und Menschen mit geringerem Einkommen, die ihr Smartphone oft länger nutzen und sich kein neues leisten können. Sie werden faktisch von der von ihrem Arzt verordneten Gesundheitsversorgung ausgeschlossen, ohne ihnen eine Wahl zu lassen.

Eine Innovationsbranche unter Druck

Der aktuelle Einbruch gefährdet nicht nur die Versorgung, er hat auch eine wirtschaftliche Dimension: Bleibt die Einlösequote dauerhaft auf diesem Niveau, geraten Anbieter binnen weniger Monate in wirtschaftliche Not – und mit ihnen eine Innovationsbranche, die politisch ausdrücklich gewünscht ist, um den Patientinnen und Patienten einen niedrigschwelligen Zugang zur Versorgung zu bieten.

„Es handelt sich hierbei um einen systemisch bedingten Versorgungsbruch, nicht um ein technisches Detailproblem. Eine Patientin, die mit einer Erkrankung zum Arzt geht und eine DiGA verordnet bekommt, sollte ihre Therapie einfach und unmittelbar beginnen können – ohne Medienbrüche, ohne IT-Kompetenz als Zugangsvoraussetzung, ohne dass das Alter ihres Smartphones darüber entscheidet, ob ihr Zugang zu ihrer Therapie gewährt wird oder nicht“, sagt Dr. Christoph Twesten, Vorstandsmitglied des SVDGV.

Was jetzt gebraucht wird

Der SVDGV fordert sofortiges Handeln und benennt konkrete Maßnahmen, mittels derer im Rahmen des gegenwärtigen Gesetzgebungsverfahrens zum Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) gegengesteuert werden sollte:

• Sofortiger Stopp des aktuellen Rollouts und Überbrückung durch Papierausdruck

Solange der E-Rezept-Einlöseprozess nicht zuverlässig funktioniert, darf das neue Verfahren nicht weiter ausgerollt werden. Der Prozess muss grundlegend unter Einbindung der Branche überarbeitet werden.

Bis das digitale System zuverlässig funktioniert, muss sichergestellt werden, dass Ärzte ihren Patientinnen und Patienten einen Papierausdruck als Überbrückung mitgeben. Dies ist bereits heute möglich, bisher jedoch optional.

Zudem gehört auf den Ausdruck ein Hinweis auf die Rezeptservices der DiGA-Hersteller, die bei der Einlösung den Patienten unterstützen und im papierbasierten Verfahren bereits Standard sind.

• Einlösung ohne PIN

Wer ein Medikament per E-Rezept abholt, zeigt einfach seine Gesundheitskarte. Für DiGA benötigen Patientinnen und Patienten zusätzlich eine PIN, die kaum jemand hat. Das ist eine unnötige Hürde, die es bei Arzneimittelrezepten nicht gibt.

• Einlösung direkt in der DiGA

Anstatt dass Patientinnen und Patienten manuell zwischen verschiedenen Apps und Systemen hin- und her navigieren müssen, sollen sie ihre Therapie dort einlösen dürfen, wo sie stattfindet. Heute fehlt dafür die rechtliche Grundlage.

• Therapiezugang sicherstellen durch informierte Patienteneinwilligung

Wer ein älteres Smartphone hat, kein neues Gerät anschaffen möchte oder kann, soll selbst entscheiden dürfen, ob er seine DiGA nutzen möchte.

Der Zugang zur Versorgung muss für alle Versicherten gleichermaßen gewährleistet bleiben – unabhängig von technischen Voraussetzungen oder davon, ob es sich um webbasierte oder native App-Anwendungen handelt. Ein digitales Verfahren, das den Zugang erschwert, statt erleichtert, verfehlt seinen Zweck.

Über den Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV)

Der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung ist der maßgebliche Branchenvertreter für E-Health-Unternehmen in Deutschland. Er wurde im Dezember 2019 gegründet und vereint über 170 E-Health-Unternehmen.

 

Quelle: Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung e.V.

Symbolbild: KI-Illustration, generiert mit ChatCPT/OpenAI 


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