NeTKoH-Studie zeigt Potenzial der Telemedizin für die neurologische Versorgung

JAMA

Veröffentlicht 29.07.2026 11:00, Kerstin Müller

„NeTKoH“-Studie liefert Ergebnisse - Telemedizin stärkt die neurologische Versorgung in der Region Vorpommern

In einem Bundesland mit wenigen neurologischen Fachärzten für die flächendeckende Versorgung untersuchten die Klinik für Neurologie und die Abteilung für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Greifswald gemeinsam mit weiteren Partnern, wie die Versorgung durch telemedizinische Vernetzung zwischen Universitätsmedizin und Hausarztpraxen in Vorpommern weiter verbessert werden kann.

Wenn Patienten in der Hausarztpraxis über neurologische Beschwerden klagten, konnten die Hausärzte über ein telemedizinisches Konsil durch die Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald eine sofortige fachärztliche neurologische Einschätzung erhalten.

Das Projekt zeigt, dass eine sektorenübergreifende telemedizinische Vernetzung die spezialärztliche neurologische Versorgung in der strukturschwachen Region Vorpommern deutlich verbessert. Wartezeiten konnten verkürzt sowie Patienten mit entsprechenden klinischen Symptomen gezielter überwiesen und behandelt werden. Darüber hinaus lieferte das Projekt gesundheitsökonomische Daten als Grundlage für die Entwicklung entsprechender Vergütungsstrukturen.

Hintergrund des Projekts

Hintergrund des Projekts mit dem Namen „NeTKoH“ (Neurologisches Telekonsil mit Hausärzten zur Stärkung der sektorenübergreifenden spezialärztlichen Versorgung in der Region Vorpommern) sind die zunehmenden Engpässe in der fachärztlichen ambulanten Versorgung.

Ziel war es, dass Patienten mit neurologischen Symptomen nach einer Telekonsultation mit den Fachärzten der Universitätsmedizin Greifswald weiterhin in der Hausarztpraxis behandelt werden können.

40 Hausarztpraxen der Region begleiteten das Projekt über vier Jahre mit rund 1.000 Patienten.

Ergebnisse der Studie

Das Projekt wurde erfolgreich abgeschlossen. Die Ergebnisse wurden im Mai 2026 in einem hochrangigen Fachjournal veröffentlicht (JAMA Neurology, 2026).

Insgesamt konnte gezeigt werden, dass Telemedizin sehr gut in ambulante und stationäre Versorgungsprozesse integriert werden kann.

„Wartezeiten auf eine fachärztliche Einschätzung verkürzten sich, Patientinnen und Patienten konnten schneller und gezielter fachärztlich weiterbehandelt werden. Die Zufriedenheit der teilnehmenden Patientinnen und Patienten sowie der teilnehmenden Hausärztinnen und Hausärzte mit der neuen Versorgungsform war sehr hoch“, analysiert Prof. Felix von Podewils, Projektleiter und Neurologe an der Universitätsmedizin Greifswald.

Entgegen der Erwartungen führte die Telekonsultation jedoch nicht zu einer Erhöhung des Anteils der Patienten, die mit telekonsiliarischen Empfehlungen ausschließlich in der Hausarztpraxis weiterbehandelt wurden. Stattdessen wurden Patienten häufiger an andere ambulante Fachdisziplinen oder zur stationären Behandlung überwiesen.

Von Podewils erklärt:

„Die Ergebnisse zeigen, dass viele neurologische Fragestellungen in der Hausarztpraxis im Rahmen eines Telekonsils gut gemanagt werden können und Patientinnen und Patienten dadurch schneller und gezielter einer weiterführenden Diagnostik und Therapie – auch und gerade durch andere Fachrichtungen – zugeführt werden können.“

Es gab Hinweise auf eine gezieltere Zuweisung sowie effizientere stationäre Prozesse, was zu einer besseren Nutzung der verfügbaren Ressourcen beiträgt.

„Im Sinne des schonenden Umgangs mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen im Gesundheitswesen ist es unerlässlich, dass bei entsprechenden Fragestellungen die fachärztliche Expertise von Anfang an eingebunden wird.“

Hohe Akzeptanz

Es zeigte sich eine hohe Akzeptanz und Zufriedenheit mit dieser neuen Versorgungsform sowohl bei Patienten als auch bei Hausärzten.

Beide Gruppen bewerteten das telemedizinische Angebot positiv oder sehr positiv und sprachen hohe Weiterempfehlungen aus.

„Besonders geschätzt wurden die schnelle fachärztliche Einschätzung, kürzere Wege und die bessere Versorgungskoordination.“

In 98 Prozent der Fälle erfolgte das neurologische Konsil noch am selben Tag.

„NeTKoH liefert zudem eine fundierte Datengrundlage zur Bewertung von Kosten und Einsparpotenzialen in der sektorenübergreifenden telemedizinischen Versorgung“, hebt Prof. von Podewils hervor.

„Wir hoffen, dass dieses erfolgreich abgeschlossene Projekt nun eine Empfehlung zur Übernahme in die Regelversorgung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss erhält.“

Der telemedizinische Ansatz berücksichtigt die strukturellen und demografischen Bedingungen in Mecklenburg-Vorpommern. Der Mangel an neurologischen Fachärzten kann dadurch ortsunabhängig ausgeglichen werden, ohne dass Patienten lange Wartezeiten oder weite Fahrstrecken in Kauf nehmen müssen.

„Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Teleneurologie insbesondere in ländlichen Regionen die Versorgung deutlich verbessern kann“, sagt Prof. Agnes Flöel, Klinikdirektorin und Prodekanin für Forschung an der Universitätsmedizin Greifswald.

„Die Studie zeigt zudem, dass nicht nur die Neurologie, sondern potenziell auch andere Fachbereiche und andere Regionen Deutschlands von einem derartigen telemedizinischen Ansatz profitieren können.“

Weitere Informationen

Die Studie „NeTKoH“ (Neurologisches Telekonsil mit Hausärzten zur Stärkung der sektorenübergreifenden spezialärztlichen Versorgung in der Region Vorpommern) wurde von 2021 bis 2025 über vier Jahre mit 5,2 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert.

Die Projektleitung hatte Prof. Felix von Podewils von der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald inne.

Das Projekt wurde gemeinsam von der Klinik für Neurologie und der Abteilung für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Greifswald durchgeführt.

Weitere Projektpartner waren:

  • teilnehmende Hausarztpraxen
  • Institut für Public Health der Charité Berlin
  • Meytec Medizinsysteme
  • AOK Nordost
  • Techniker Krankenkasse

Quelle: © Universitätsmedizin Greifswald

Symbolbild: KI-Illustration, generiert mit ChatCPT/OpenAI 


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