Digitale Gesundheitszwillinge können Krankheitsrisiken und Kosten vorhersagen. Eine neue Studie von Strategy& analysiert ihr Potenzial.
Deutschlands Gesundheitsausgaben haben 2024 mit rund 538 Mrd. Euro einen historischen Höchstwert erreicht, ohne dass die Bevölkerung dadurch überdurchschnittlich gesünder als in anderen Ländern ist. Das zeigt die aktuelle Studie „Healthy Twins als Schlüssel für ein effizienteres Gesundheitssystem“ von Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC. Demnach stiegen die Ausgaben 2024 gegenüber dem Vorjahr um 7,6%, während die Dauer der gesunden Lebenszeit innerhalb der Bevölkerung im Schnitt sogar 0,7 Jahre unter dem Wert vergleichbarer europäischer Nachbarländer lag.
Ergebnisse im Überblick
- Deutschlands Gesundheitsausgaben erreichen 2024 mit 538 Mrd. Euro einen neuen Höchstwert
- Auch die Kosten für Präventionsmaßnahmen liegen in Deutschland 3% über dem EU-Durchschnitt
- Trotzdem erreichen die Menschen in Deutschland durchschnittlich 0,7 weniger gesunde Lebensjahre als in anderen europäischen Ländern
- Ungenaue Vorsorge und fragmentierte Versorgung sowie fehlender Datenaustausch und falsche Vergütungsanreize machen das deutsche Gesundheitssystem ineffizient
- Digitale Gesundheitszwillinge simulieren individuelle Krankheitsverläufe sowie ihre Kosten und machen personalisierte Versorgungssteuerung möglich
- Dadurch entsteht ein wirksamer Hebel für eine gesündere Bevölkerung und ein kosteneffizienteres Gesundheitswesen
Die Deutschen verbringen im Schnitt also über ein halbes Jahr länger in Krankheit als etwa ihre direkten Nachbarn in Frankreich oder Dänemark, obwohl sie mehr für Gesundheit ausgeben. Um diese Unwucht auszutarieren, identifiziert die Studie einen konkreten Hebel: Digitale Gesundheitszwillinge („Healthy Twins“). Solche datenbasierten Simulationsmodelle können individuelle Krankheitsrisiken und -kosten vorhersagen und laut Studie bereits im ersten Jahr ihrer Einführung in besonders kostenintensiven Versichertengruppen Einsparungen von etwa 10% ermöglichen.
Gleichzeitig ließen sich mit zielgenaueren, personalisierten Vorsorgemaßnahmen auf Basis von Präventionssimulationen 25% der Krankentage sowie 10% der Krankschreibungen verhindern. Dadurch könnte das Gesundheitssystem um Milliarden entlastet werden, während die Gesundheit in der Bevölkerung verbessert wird.
Chronische Erkrankungen treiben Kosten nach oben
Healthy Twins adressieren dafür vor allem die sogenannte Morbiditätsexpansion, also den Umstand, dass die Bevölkerung immer mehr Lebensjahre in Krankheit verbringt. Chronische Leiden treten früher auf, dauern länger an und fallen zunehmend in die berentete Lebensphase. Es öffnet sich eine Schere: Höhere Gesundheitsausgaben treffen auf sinkende Sozialabgaben. Das erhöht den finanziellen Druck auf das System. Besonders hohe Kosten entstehen, wenn mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig bestehen.
Diese Multimorbidität verursacht etwa 80% der gesamten Gesundheitsausgaben in Deutschland und ist damit der zentrale Kostenhebel, an dem Healthy Twins ansetzen können. Verschärft wird die aktuelle Situation durch ein komplexes und oft ineffizientes Gesundheitssystem: Daten werden häufig mehrfach erhoben, liegen verstreut bei Kassen, Kliniken und Praxen und finden für Prävention und Behandlung einzelner Patient:innen zu selten zusammen.
„Das deutsche Gesundheitssystem steht unter massivem Druck. Mit Geld allein wird sich die strukturelle Schieflage in Deutschland nicht kurieren lassen. Vielmehr braucht es einen grundlegenden Paradigmenwechsel: weg von einem System, das Krankheit reaktiv behandelt, hin zu einem Modell, das Gesundheit proaktiv steuert. Datengetriebene Modelle wie digitale Gesundheitszwillinge können genau diesen Wandel zu einem sogenannten LIFEcare-Ökosystem deutlich beschleunigen und dabei helfen, unser Gesundheitswesen von Grund auf zu reformieren. Erste Grundlagen dafür sind längst gelegt, etwa mit der elektronischen Patientenakte, in der medizinische Befunde, Abrechnungsdaten und Versorgungsverläufe zusammenlaufen und so eine Basis für echte personalisierte Prävention schaffen.“ Manuel Meske,Partner bei Strategy& Deutschland
Datenbasierte Prävention und gezielte Ressourcenverteilung
Healthy Twins heben den Präventionsansatz auf die nächste Stufe. Mithilfe großer Datensätze sowie smarter Simulationsmodelle können sie individuelle Krankheitsverläufe und die damit verbundenen Kosten prognostizieren. Gleichzeitig können sie vorhersagen, welche Präventionsmaßnahmen sich positiv auf den Gesundheitszustand einzelner Patient:innen sowie die Gesamtheit der Gesundheitsausgaben auswirken.
Gesundheitsvorsorge orientiert sich dadurch nicht länger am Gießkannenprinzip, sondern kann genau dort zum Einsatz kommen, wo sie den größten Nutzen stiftet. Besonders groß ist dieser Effekt im Bereich der Multimorbidität. Mit datenbasierter Früherkennung und individueller Steuerung können spätere Krankheits- und Folgekosten reduziert oder sogar verhindert werden
„Healthy Twins schaffen eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Versicherte profitieren von früheren Diagnosen und personalisierten Angeboten, Versicherungen von gezielter Kostensteuerung und Leistungserbringer von besserer Indikationsqualität. Damit die digitalen Gesundheitszwillinge jedoch ihr volles Potenzial entfalten können, müssen Politik, Versicherer und Leistungserbringer an einem Strang ziehen. Die Politik muss die regulatorischen Rahmenbedingungen für Interoperabilität und Datenschutz schaffen sowie klare Regeln für den Einsatz von KI im Gesundheitswesen definieren. Versicherer sollten ihrerseits datenbasierte Präventionsmodelle erproben, skalieren und in bestehende Versorgungsprogramme integrieren. Leistungserbringer benötigen wiederum digitale Werkzeuge und Anreize, um datenbasierte Versorgungspfade im Alltag umzusetzen. Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Denn jedes Jahr ohne Umsetzung kostet das System Milliarden und die Versicherten gesunde Lebensjahre.“ Manuel Meske,Partner bei Strategy& Deutschland
Healthy Twins als Schlüssel für ein effizienteres Gesundheitssystem
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Über Strategy&
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Quelle: © PwC
Symbolbild: KI-Illustration, generiert mit ChatCPT/OpenAI










