Health-IT Talk Robotik und Pflege: Entlastung durch gute Prozesse

Veröffentlicht 31.08.2026 13:00, Kerstin Müller

Der Health-IT Talk Berlin-Brandenburg zum Thema „Robotik mit dem Fokus auf Pflege“ hat im August 2026 deutlich gemacht: Robotische Assistenzsysteme sind kein Selbstzweck und erst recht kein Ersatz für professionelle Pflege. Ihr Potenzial liegt vielmehr darin, Pflegende gezielt von zeitintensiven, körperlich belastenden oder logistisch geprägten Routinetätigkeiten zu entlasten. Unter der Moderation von Engelhorn wurde sichtbar, dass die erfolgreiche Einführung von Robotik weniger an der technischen Leistungsfähigkeit einzelner Systeme entscheidet als an ihrer konkreten Einbettung in Arbeitsprozesse und Versorgungsabläufe.

Bild: v. l. Michael Engelhorn, Medizininformatiker, CIO und CTO der ExperMed GmbH Berlin; Jonas Wassermann, KleRo GmbH Roboterautomation; Dr. rer. pol. Frithiof Svenson, Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem, Cottbus; Charlotte Kruhøffer, Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem, Cottbus. Quelle: © Health-IT Talk Berlin-Brandenburg

Freiräume können für jene Aufgaben entstehen, die Pflegequalität im Kern ausmachen: direkte Zuwendung, klinische Beobachtung, Kommunikation mit Patientinnen und Patienten sowie fachlich anspruchsvolle Entscheidungen. Die Präsenzveranstaltung brachte Pflegepraxis, Wissenschaft und Technik in einen notwendigen direkten Austausch.

Praxisbezogene Einblicke lieferte insbesondere das Verbundprojekt „KoRob“ -  „Robotik in der Pflege“ an der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem in Cottbus. KoRob wird von der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem als Verbundkoordinator gemeinsam mit der Charité und der KleRo GmbH durchgeführt. Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte und vom Projektträger Jülich betreute Vorhaben läuft vom 1. Oktober 2025 bis zum 30. September 2028. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung eines kollaborativen Roboters, der Pflegekräfte bei der Essensversorgung auf Station unterstützen soll. Gerade diese Aufgabenstellung verdeutlicht den realistischen Anspruch moderner Pflegerobotik: Nicht die pflegerische Beziehung soll automatisiert werden, sondern eine wiederkehrende Versorgungslogistik soll verlässlich, sicher und praxistauglich unterstützt werden.

Erfahrungen aus der Erprobung

Das Projekt „Robotik in der Pflege“ hat dabei bereits wichtige Erfahrungen aus der praktischen Erprobung mehrerer Robotersysteme gewonnen. In Bereichen wie Neurochirurgie und Geriatrie, auf einer Kinderstation sowie in der Übergangspflege wurden Systeme durch Pflegekräfte unter realen Bedingungen geprüft. Diese Vielfalt ist bedeutsam, weil Pflege nicht als einheitlicher Prozess verstanden werden kann. Stationen unterscheiden sich erheblich hinsichtlich Patientengruppen, räumlicher Gegebenheiten, Arbeitsrhythmen, Sicherheitsanforderungen und Kommunikationsbedarfen. Ein System, das in einem klar strukturierten Transportprozess sinnvoll entlastet, kann in einer hochdynamischen oder besonders kommunikationsintensiven Versorgungssituation an Grenzen stoßen. Krankenhausmanagement und Projektverantwortliche sollten deshalb nicht von einer universell einsetzbaren Robotiklösung ausgehen, sondern von einem portfolioartigen Ansatz: geeignete Anwendungsfälle identifizieren, Nutzen messbar machen und Lösungen schrittweise in die Versorgungsrealität integrieren.

Charlotte Kruhøffer von der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem betonte in diesem Zusammenhang eine zentrale Erkenntnis der Projektkonzeption: Robotik muss Freiräume für die direkte Patientenversorgung schaffen und sich im Klinikalltag sinnvoll bewähren. Besonders prägnant ist dabei das Lernen, dass nicht jeder Prozess für Robotik geeignet ist. Automatisierung lohnt sich vor allem dort, wo Aufgaben wiederkehrend, klar beschreibbar, sicher ausführbar und organisatorisch stabil sind. Mobile Roboter können beispielsweise Transportwege übernehmen, Materialien oder Mahlzeiten bereitstellen, an bestimmte Tätigkeiten erinnern oder bei einfachen Dokumentations- und Logistikprozessen unterstützen. Ihre Funktion besteht darin, bestehende Arbeitsabläufe zu ergänzen und nicht darin, sie unabhängig von der pflegerischen Realität neu zu definieren.

Prozesse wichtiger sind als Technik

Die Erfahrungen aus Cottbus zeigen zugleich, dass Prozesse wichtiger sind als Technik. Diese Aussage ist für das Krankenhausmanagement von strategischer Bedeutung. Werden Roboter ohne Prozessanalyse, ohne eindeutige Verantwortlichkeiten und ohne verbindliches Betriebskonzept beschafft, kann die Technik selbst zusätzliche Belastung erzeugen. Dann entstehen etwa neue Koordinationsaufgaben, Wartungsbedarfe, unklare Zuständigkeiten oder Medienbrüche. Erfolgversprechend ist daher ein Vorgehen, das zunächst konkrete Probleme im Pflegealltag analysiert: Wo entstehen unnötige Wegezeiten? Welche Routinen verursachen wiederholt Unterbrechungen? Welche Aufgaben können sicher standardisiert werden? Erst anschließend sollte entschieden werden, ob und mit welchem System robotische Unterstützung tatsächlich einen Mehrwert liefert.

Eine frühe und aktive Beteiligung aller Stakeholder ist dafür unverzichtbar. Pflegekräfte müssen nicht allein als spätere Nutzende, sondern als Mitgestaltende der Lösung einbezogen werden. Ebenso relevant sind Stationsleitungen, Medizin, Therapie, IT, Medizintechnik, Datenschutz, Informationssicherheit, Betriebsrat sowie gegebenenfalls Patientenvertretungen. Kruhøffer fasste die Erfahrungen entsprechend zusammen: Der größte Mehrwert entstand bislang dort, wo konkrete Probleme gelöst wurden, Mitarbeitende aktiv beteiligt waren und Prozesse gemeinsam weiterentwickelt wurden. Die ersten Produktdemonstrationen im Workshop-Format mit Pflegenden waren somit mehr als reine Technikvorführungen. Sie bildeten eine Feedbackschleife, in der Anforderungen aus der Praxis direkt in die Erprobung der innerklinischen Systemarchitektur einfließen konnten.

Dr.rer.pol. Frithiof Svenson, Medizinische Universität Lausitz - Carl Thiem, Cottbus, unterstrich zudem, dass robotische Interaktionskonzepte auf Grundlage pflegewissenschaftlicher Expertise definiert werden müssen. Das betrifft nicht nur Bedienoberflächen oder Bewegungsabläufe eines Roboters, sondern die gesamte Frage, wie ein System in pflegerische Verantwortungsstrukturen eingebunden wird. Robotik muss Pflegeterminologien verstehen und pflegespezifische Besonderheiten abbilden können. Im KoRob-Projekt sollen deshalb Kenntnisse zu Pflegeterminologien, zu regionalen Besonderheiten in der Lausitz und zu deren Umsetzung in robotischer Technik gewonnen werden. Für eine später skalierbare Nutzung ist dies ein wichtiger Baustein: Robotische Systeme dürfen nicht als isolierte Geräte neben der klinischen IT stehen, sondern benötigen interoperable Schnittstellen zu relevanten Informations-, Kommunikations- und Dokumentationsprozessen.

Zielperspektive für Robotik in der Pflege

Jonas Wassermann von der KleRo GmbH Roboterautomation formulierte den Nutzen aus Sicht der Automatisierung klar: Professionelle Pflegende sollen sich auf Tätigkeiten konzentrieren können, in denen ihre methodische und formelle Kompetenz wirklich benötigt wird. Daraus ergibt sich eine angemessene Zielperspektive für die Robotik in der Pflege. Sie kann helfen, die Belastung durch Routine, Transport und wiederkehrende Unterbrechungen zu reduzieren. Sie kann jedoch weder klinische Urteilsfähigkeit noch Empathie, Beziehungsarbeit und Verantwortung in kritischen Situationen ersetzen. Gerade bei komplexen Pflegesituationen, medizinischen Entscheidungen, Notfällen oder emotional belastenden Gesprächen bleiben qualifizierte Fachkräfte unverzichtbar.

Die praktischen Grenzen müssen daher von Beginn an offen berücksichtigt werden. Robotische Systeme benötigen eine verlässliche technische Infrastruktur, geeignete räumliche Bedingungen, Wartung, klare Eskalationswege sowie Schulung und Akzeptanz bei den Mitarbeitenden. Ein Roboter kann nur dann entlasten, wenn seine Betriebsfähigkeit, Navigation, Hygiene, Datenschutz und Sicherheit dauerhaft gewährleistet sind. Für das Management folgt daraus, Robotik nicht als singuläres Innovationsprojekt, sondern als Veränderungsvorhaben mit technischer, organisatorischer und kultureller Dimension zu steuern.

Die zentrale Leitlinie lautet damit: Robotik soll Pflege ergänzen, nicht menschliche Beziehungen oder professionelle Verantwortung ersetzen. Richtig eingesetzt, kann sie ein wirksames Instrument gegen Überlastung und Fachkräftemangel sein. Ihr Erfolg bemisst sich jedoch nicht an der Anzahl eingesetzter Roboter, sondern daran, ob Pflegekräfte spürbar entlastet werden, Versorgungsqualität gesichert bleibt und neu gewonnene Zeit tatsächlich der unmittelbaren Versorgung von Patientinnen und Patienten zugutekommt.

 

Verbundprojekt KoRob 

Koordinator: Medizinische Universität Lausitz - Carl Thiem

Fördermittelgeber: BMFTR (Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt)

Projektträger: (PtJ) Projektträger Jülich

Förderkennzeichen: 03WIR6510

 

Quelle: © Health-IT Talk Berlin-Brandenburg

Bildmaterial: © Health-IT Talk Berlin-Brandenburg

Das Beitragsbild wurde auf Basis der bereitgestellten Porträtfotos mithilfe von Künstlicher Intelligenz zu einer redaktionellen Collage gestaltet.


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