Pflegeprozesse verbessern nach dem Vorbild der Industrie
Forschende untersuchen Ansätze, um Prozesse in Pflegeheimen zu automatisieren und Pflegefachpersonen durch Assistenzsysteme zu entlasten
Wie lassen sich Sensoren, Echtzeitdaten und Automatisierung nutzen, um die Qualität der Versorgung in Pflegeheimen zu verbessern, und inwiefern können Konzepte aus der Indus-trie auf pflegerische Kontexte übertragen werden? Das untersuchen Forschende der Uni-versitätsmedizin Oldenburg (UMO) jetzt in einem Pflegeheim für Senior*innen. Für eine Ein-richtung aus Ganderkesee erschaffen sie einen digitalen Zwilling, mit dem sie die Auswir-kungen technischer Innovationen auf die gewohnten Pflegeheimabläufe vorab am Compu-ter modellieren können.
So erhalten sie eine Einschätzung dazu, ob Innovationen geeignet sind, das Personal zu entlasten und die Versorgung zu verbessern. Ein weiteres Ziel besteht darin, durch technologische Innovationen regionale Unternehmen aus der Pflegebranche zu stärken. Die Europäische Union und das Land Niedersachsen fördern die Forschung mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung in Höhe von 1,6 Millionen Euro.
Prof. Dr. Andreas Hein, Robotik-Experte und Ingenieur am Department für Versorgungsforschung der Universität, leitet das Team. Zu diesem gehören auch die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Rebecca Palm, die Ernährungswissenschaftlerin PD Dr. Rebecca Diekmann, der Medizinethiker Prof. Dr. Mark Schweda, der Allgemeinmediziner Prof. Dr. Michael Freitag (alle ebenfalls am Department für Versorgungsforschung) sowie der Virologe Prof. Dr. Axel Hamprecht aus dem Department Humanmedizin. Gemeinsam schaffen sie im Rahmen des Projekts „Industrie 4.0 meets Pflegeheim“ (I4mP) einen digitalen Zwilling des Pflegeheims Wichernstift in Ganderkesee. In dieser virtuellen Umgebung will das Team die Auswirkungen von Innovationen testen, die auf Sensorik, Echtzeitdaten, Vernetzung, Automatisierung und intelligenten Systemen beruhen – also Technologien, die in der Industrie längst etabliert sind.
Statt um optimierte Massenproduktion geht es den Forschenden um bessere und individuellere Versorgung in den Pflegeheimen – analog zur Einzelstückfertigung bei Industrie 4.0. Der Bedarf ist enorm: „Die Zahl der Pflegebedürftigen liegt schon heute bei 5,7 Millionen, von denen knapp 800.000 in Heimen leben, Tendenz steigend. Dass zeitgleich die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte sinkt, reißt eine Lücke zwischen Versorgungsbedarf und realisierbarer Pflegequalität“, erklärt Hein.
Im Mittelpunkt von I4mP stehen daher technische Lösungen, die dabei helfen sollen, das verbleibende Pflegepersonal zu entlasten. In der Simulation erproben die Forschenden beispielsweise, wie sich Arbeitsabläufe verändern, wenn das Pflegepersonal beim Umlagern von Bewohner*innen durch robotische Assistenzsysteme entlastet wird. Außerdem untersuchen die Forschenden den Einsatz vernetzter Trainingsgeräte, um herauszufinden, ob die Menschen dadurch selbstständig trainieren und so ihre Mobilität bewahren können. Digitale Sensoren am Geschirr oder in der Umgebung kommen zum Einsatz, um die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme der Bewohner*innen zu dokumentieren. Andere Sensoren messen ihre Schlafqualität. Das Team untersucht ebenso, inwieweit Abwasseruntersuchungen auf Viren und Bakterien dazu beitragen, Infektionen frühzeitig zu erkennen und eine großflächige Übertragung zu verhindern. Solche automatisierten Datenerhebungen und -auswertungen könnten nicht zuletzt das Pflegepersonal entlasten, weil sie etwa Dokumentationspflichten abnehmen oder Krankheitswellen verhindern.
Das Projekt schließt an zahlreiche Vorarbeiten der Oldenburger Forschenden an – etwa an das vom Bundesforschungsministerium geförderte Pflegeinnovationszentrum (PIZ), das neue bedarfsgerechte Pflege- und Assistenztechnologien erforscht, oder das vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium geförderte „Zukunftslabor Gesundheit“, an dem die Universität Oldenburg beteiligt ist. „Dadurch haben wir bereits sehr gute Einblicke in die Prozesse eines Pflegeheims“, erklärt Hein. Dieses fundierte Praxiswissen kann nun in die Modellierung des digitalen Zwillings und die Entwicklung neuer Prozesse einfließen.
Kontakt
Prof. Dr. Andreas Hein, E-Mail: andreas.hein@uol.de
Quelle: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Symbolbild: KI-Illustration, generiert mit ChatCPT/OpenAI










