Bundesweiter Konsens für moderne Strahlentherapie-Lehre mit KI-Leitlinie

DEGRO

Veröffentlicht 18.08.2026 06:40, Kerstin Müller

Strahlentherapie in der Lehre

DEGRO-Arbeitsgruppe unter Kölner Leitung schafft bundesweiten Konsens I Prozess-koordinator und Erstautor des Konsensuspapiers ist Priv.-Doz. Dr. Philipp Linde, Strahlentherapie Uniklinik Köln/Medizinische Fakultät

Die Strahlentherapie ist fester Bestandteil der modernen Krebsbehandlung – mehr als die Hälfte aller Krebspatientinnen und -patienten wird im Laufe ihrer Erkrankung strahlen-therapeutisch behandelt. In der studentischen Ausbildung war ihre Verankerung bislang jedoch von Fakultät zu Fakultät sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Arbeitsgruppe „Lehre" der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO AG Lehre) hat nun in einem strukturierten, bundesweiten Konsensprozess erstmals einen gemeinsamen Rahmen für die studentische Ausbildung in der Strahlen-therapie entwickelt – mit neun verbindlichen Kernkompetenzen, einem gestuften Prüfungsmodell und einer eigenen Leitlinie zum Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Lehre.

Bild: Priv.-Doz. Dr. Philipp Linde, Foto: Christian Wittke, MedizinFotoKöln

Grundlage der Arbeit war ein zweitägiges Expertentreffen im März 2026 in Berlin, an dem 25 formal entsandte Vertreterinnen und Vertreter aus 22 der 36 universitären Strahlentherapie-Standorte in Deutschland teilnahmen. In einem mehrstufigen Verfahren aus Einzelpriorisierung, Kleingruppenarbeit und Abstimmung im Plenum – mit einer verbindlichen Zustimmungsschwelle von mindestens 75 Prozent – wurden neun prioritäre Kernkompetenzen verdichtet, die künftig als nationaler empfohlener Mindeststandard für die Ausbildung im Praktischen Jahr und im Staatsexamen (M3) dienen sollen. Priv.-Doz. Dr. Hendrik Dapper (Vorsitzender der AG Lehre der DEGRO, Uniklinik Köln): „Damit haben wir erstmals einen bundesweit abgestimmten und zugleich lokal anpassbaren Rahmen für die studentische Ausbildung in der Strahlentherapie geschaffen – entwickelt von den Lehrenden selbst, nicht am grünen Tisch."

Statt feste Unterrichtsstunden oder ein einheitliches Curriculum vorzugeben, setzt das Konsenspapier auf Ergebnisorientierung: Es definiert, was Studierende am Ende ihrer Ausbildung können sollen – etwa die Indikationsstellung zur Strahlentherapie erkennen, patientenzentriert über Nutzen und Risiken aufklären, akute und späte Nebenwirkungen einordnen oder onkologische Notfälle erkennen. Wie die einzelnen Fakultäten diese Ziele erreichen können, wird über ein Stufenmodell skizziert: Die Ausbaustufen „Minimal", „Empfohlen" und „Best Practice" erlauben es, den Rahmen an unterschiedliche lokale Ressourcen anzupassen. Das interdisziplinäre Tumorboard wird dabei als besonders geeignetes Lehrformat hervorgehoben, da es klinisches Denken, Kommunikation und Teamarbeit in einem einzigen Format verbindet.

Für die Prüfung der Lernziele wurde ein dreistufiges Modell, angelehnt an die Miller-Pyramide, entwickelt: von schriftlichen Wissensprüfungen (Stufe A) über OSCE-Formate (Stufe B) bis zu direkten Beobachtungen im klinischen Alltag wie dem Mini-CEX (Stufe C). „Damit stellen wir sicher, dass jede Fakultät ein geeignetes Prüfungsformat umsetzen kann, ohne den Anspruch an höherwertige Formate aufzugeben, wo sie machbar sind", erklärt Priv.-Doz. Dr. Michael Oertel (Universitätsklinikum Münster).

Ein weiterer Schwerpunkt des Konsensrahmens ist der Umgang mit generativer Künstlicher Intelligenz (KI) in der Lehre. Die Arbeitsgruppe definiert klar, wofür KI-Werkzeuge unterstützend eingesetzt werden dürfen – etwa zur Erstellung von Fallbeispielen oder zur Vorbereitung von Prüfungsfragen – und wo klare rote Linien liegen: Patientendaten dürfen nicht in KI-Anwendungen eingegeben werden, unvalidierte medizinische Inhalte müssen stets fachlich geprüft werden, und die Verantwortung für Lehre und Prüfung bleibt in jedem Fall beim Menschen. Zugleich wird KI-Kompetenz selbst zum Lernziel: Studierende sollen lernen, Fehlinformationen und Verzerrungen von KI-Systemen zu erkennen und deren Grenzen realistisch einzuschätzen.

Prozesskoordinator und Erstautor des Konsensuspapiers, Priv.-Doz. Dr. Philipp Linde, Masterabsolvent des Postgraduiertenstudiengangs Medical Education aus der Klinik und Poliklinik für Radioonkologie, Cyberknife- und Strahlentherapie der Uniklinik Köln ergänzt: „Wir wollten KI nicht als separates Technikthema behandeln, sondern als das, was es in der Ausbildung längst ist: ein Werkzeug, das Studierende verstehen und kritisch einordnen können müssen."

„Mit diesem Konsens setzt die Radioonkologie einen bundesweiten Orientierungspunkt für die Lehre, ohne den Fakultäten ihre curriculare Freiheit zu nehmen. Das stärkt die Sichtbarkeit des Fachs im Medizinstudium – und damit langfristig auch unsere Attraktivität für den Nachwuchs", fasst Klinikdirektor Univ.-Prof. Dr. Dr. Emmanouil Fokas (Uniklinik Köln) zusammen.

Das Konsenspapier wurde von der Arbeitsgruppe „Lehre" der DEGRO unter Beteiligung von Vertreterinnen und Vertretern aus 22 universitären Strahlentherapie-Standorten erarbeitet und ist als Originalarbeit bei Strahlentherapie und Onkologie abrufbar.

Referenz

Linde, P., Pal Singh, B., Neu, M. et al. DEGRO consensus framework for undergraduate radiation therapy teaching in Germany: a white paper with integrated guidance on artificial intelligence in medical education. Strahlenther Onkol (2026). https://doi.org/10.1007/s00066-026-02575-4

 

Quelle: © Universität zu Köln

Foto: Christian Wittke, MedizinFotoKöln 


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