Zwei von drei Klinik-Webauftritten sind nicht mehr zeitgemäß

Veröffentlicht 06.11.2026 09:40, Kerstin Müller

Vom digitalen Aushängeschild zum Service-Portal: Was moderne Klinik-Websites heute leisten müssen

Herr Entzminger, als IT-Experte und Digitaldienstleister kennen Sie den Markt sehr genau. Beginnen wir also mit dem Elefanten im Raum: Wie viele Klinik-Websites in Deutschland sind aus Ihrer Sicht mehr oder minder veraltet?

Jan Entzminger: Aus unserer Beratungs- und Projektpraxis würde ich sagen: Wenn wir objektive Kriterien wie moderne Web-Technologie, Barrierefreiheit und Datensicherheit anlegen, sind zwei von drei Klinik-Webauftritten schlichtweg nicht mehr zeitgemäß. Darauf deuten auch Zahlen des DigitalRadar Krankenhaus hin: Der durchschnittliche digitale Reifegrad deutscher Kliniken lag zuletzt bei 55 von 100 möglichen Punkten – das ist noch weit von einem flächendeckend zeitgemäßen Niveau entfernt.

Viele Häuser betreiben ihre Plattformen auf einem technischen Fundament, das vor vielen Jahren als digitales Hochglanzprospekt gegossen wurde. Die digitale Welt und die regulatorischen Anforderungen haben sich jedoch radikal weitergedreht. Eine moderne Klinik-Website muss heute als hochkomplexes Service- und Orientierungswerkzeug verstanden werden, das Patienten in einer Stresssituation schnell abholt.

Hinter diesem Wandel zum Service-Portal steht eine erhebliche technische Komplexität. Wie lässt sich die geforderte Integration des Krankenhausinformationssystems (KIS) in der Praxis so realisieren, dass sensible Legacy-Systeme und die hochdynamische IT-Sicherheitsarchitektur einer Klinik geschützt bleiben?

Jan Entzminger: Das ist die entscheidende Frage. Denn eine reibungslose Einbindung darf im klinischen Alltag nicht bedeuten, dass die Website direkt mit den internen Systemen der Klinik verdrahtet wird. Vielmehr ist aus Sicherheits- und Performancegründen ein direkter Schreibzugriff der Website auf die Kernsysteme ausgeschlossen, da wir uns hier in einem hochsensiblen KRITIS-Umfeld bewegen. Die Lösung liegt in einem Sicherheits- und Übersetzungspuffer, einer sogenannten Middleware. Daten wie Terminoptionen oder Patientenanfragen werden dabei über moderne FHIR-APIs oder REST-Schnittstellen ausgetauscht, die im Hintergrund an klassische HL7-Umgebungen angebunden sind. Das schützt das KIS vor Überlastung und Hackerangriffen.

Dieser architektonische Puffer entspricht den strengen Anforderungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zum IT-Grundschutz, an denen sich jedes Haus orientieren sollte. Größere KRITIS-Kliniken sichern entsprechende Sicherheitsmaßnahmen dabei in der Regel über den Krankenhausstrukturfonds ab, während kleinere, nicht-KRITIS-relevante Häuser vergleichbare IT-Sicherheitsinvestitionen über den Fördertatbestand 10 des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) abfedern können. Wichtig aus Usersicht: Während im Hintergrund höchste IT-Sicherheit gewährleistet ist, erleben Patienten auf dem Smartphone dennoch einen flüssigen Prozess.

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Wenn die technische Infrastruktur im Hintergrund steht: Wie muss die Website an der Oberfläche konzipiert sein, damit sowohl Patienten als auch die gesetzlichen Pflichten optimal bedient werden?

Jan Entzminger: Da Kliniken im scharfen Wettbewerb stehen, muss dieser erste digitale Touchpoint attraktiv und konversionsstark gestaltet sein, um Patientenverluste zu vermeiden. Die Konzeption ruht im Wesentlichen auf drei Säulen.

■ Erstens auf eine radikale Nutzerzentrierung: Die Navigation muss sich strikt am Suchverhalten medizinischer Laien orientieren statt an internen Fachbegriffen.

■ Zweitens auf Mobile First und Barrierefreiheit: Weit über 60 Prozent der Zugriffe erfolgen mobil. Während öffentliche Häuser wie Unikliniken bereits der BITV 2.0 unterliegen, greift für private Kliniken das seit Juni 2025 wirksame Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) – besonders bei transaktionalen Funktionen wie der Online-Terminbuchung. Wir empfehlen grundsätzlich allen Häusern, sich am strengeren BITV-Standard zu orientieren.

■ Und drittens auf strategischem Employer Branding: Ein Karriereportal wirkt im Pflegemangel nur, wenn der Bewerbungsprozess extrem schlank und mobil optimiert ist. Angesichts der Kosten für Zeitarbeit und unbesetzte Betten ist eine optimierte digitale Candidate Journey ein geschäftskritischer Hebel zur direkten Senkung der HR-Kosten. Insgesamt sind Krankenhaus-Websites heute ein sehr komplexes Thema, das ich hier nur kurz anschneiden kann. Wer sich weiter einlesen möchte, erhält auf www.erfolgreiche-webprojekte.de[1] tiefergehende Informationen.

Ein wunder Punkt bei neuen Systemen ist oft der administrative Aufwand. Wie lässt sich organisatorisch sicherstellen, dass das ohnehin stark belastete Klinikpersonal durch die Pflege moderner Portale nicht noch zusätzlich unter Druck gerät?

Jan Entzminger: Beim Change Management im Krankenhaus gilt die Devise: Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte dürfen nicht zu Content-Managern werden. Das Ziel muss sein, den manuellen Eingabeaufwand für relationale Stammdaten im Content Management System gegen null zu senken. Medizinische Fachdaten, Sprechzeiten oder Zertifizierungen sollten automatisiert über bestehende Schnittstellen aus den Primärsystemen oder den strukturierten Qualitätsberichten ins Frontend fließen.

Natürlich gibt es redaktionelle Narrative – wie emotionale Patientengeschichten oder aktuelle Meldungen –, die nach wie vor menschliche Zuwendung erfordern. Wo echte Redaktionsarbeit also unverzichtbar bleibt, setzen wir als agile Digitalagentur auf strikt entkoppelte, rollenbasierte Minimal-Workflows. Diese erlauben eine Freigabe mit wenigen Klicks auf dem Smartphone. Nur wenn Technologie spürbar entlastet, statt neue Dokumentationspflichten zu erzeugen, entsteht echte Akzeptanz in der Belegschaft.

Das klingt nach einem stimmigen Idealbild. Ganz praktisch gefragt: Womit müssen Kliniken realistisch kalkulieren – zeitlich wie finanziell –, und wo stößt dieser Ansatz an Grenzen, etwa bei kleineren Häusern mit sehr angespanntem IT-Budget?

Jan Entzminger: Ein Relaunch nach diesen Maßstäben ist kein Wochenendprojekt – je nach Größe und Komplexität des Hauses bewegen sich seriöse Projekte eher im Bereich von einigen Monaten bis zu einem Jahr, inklusive Schnittstellenanbindung sowie Abstimmung mit IT-Sicherheit und Datenschutz. Das kostet Geld, keine Frage.

Gerade kleinere Kliniken mit angespanntem Budget können und sollten nicht alles gleichzeitig umsetzen. Wir empfehlen eine klare Priorisierung: zuerst Barrierefreiheit und mobile Nutzbarkeit als gesetzliche Basis, danach schrittweise die Middleware-Anbindungen dort, wo der Entlastungseffekt für das Personal am größten ist. Wo eigene Mittel fehlen, bieten sich Förderprogramme an – oder bei Häusern in Verbundstrukturen die Nutzung gemeinsamer Plattformen, um die Investition abzufedern. Ein Patentrezept für alle gibt es aber nicht.

Im Verbund multiplizieren sich diese Anforderungen an Technik und Workflows natürlich noch einmal. Wo liegen die strategischen Ansätze, wenn große Klinikverbünde viele verschiedene Standorte digital konsolidieren müssen?

Jan Entzminger: Bei Klinikverbünden stehen wir meist vor historisch gewachsenen Systemlandschaften. Die größte Herausforderung liegt im Spagat zwischen zentraler Governance und lokaler Relevanz. Wenn eine Dachmarke versucht, ein starres Einheitstemplate über alle Standorte zu stülpen, wird das den unterschiedlichen medizinischen Profilen nicht gerecht. Eine Uniklinik braucht ganz andere digitale Abläufe als ein regionales Haus der Grundversorgung.

Um die Entstehung von ungesicherter Schatten-IT an den einzelnen Standorten zu verhindern, setzen wir auf flexible, modulare Multisite-Systeme. Die Plattform wird technologisch zentral gesteuert, um IT-Sicherheitsstandards und Compliance zu garantieren, lässt den einzelnen Häusern inhaltlich aber genügend Spielraum für ihre spezifische Patienten-Journey.

Wenn wir auf innovative Funktionen blicken, wird im Markt viel über künstliche Intelligenz und Generative Engine Optimization (GEO) gesprochen – also die Optimierung von Websites für generative KI-Systeme. Wie ordnen Sie diese Trends ein, insbesondere mit Blick auf den Datenschutz und den realen wirtschaftlichen Nutzen?

Jan Entzminger: Bei KI-Triage-Systemen im Frontend steht Datenschutz an oberster Stelle. Für eine DSGVO-konforme Verarbeitung kommen entweder europäische Cloud-Infrastrukturen oder das On-Premise-Hosting von Open-Source-Modellen direkt auf den Servern der Klinik zum Einsatz. Als smarter Lotse übersetzt die KI die Laiensprache der Patientinnen und Patienten in passende Suchtreffer und Ansprechpartner. Das entlastet die Telefonzentralen, reduziert Fehlbelegungen in der Notaufnahme und sichert so einen messbaren ROI. Wichtig ist: Das System stellt keine Diagnosen. Da je nach Ausgestaltung jedoch die Medical Device Regulation (MDR) als Medizinprodukterecht oder der EU AI Act greifen können, muss jedes Projekt von Anfang an eng mit den Compliance- und Datenschutzverantwortlichen der Klinik abgestimmt werden.

Was das Thema GEO betrifft: Aktuell ist die klassische Suche über Google zwar noch der Standard, doch das Suchverhalten verschiebt sich spürbar. Die Optimierung einer Klinik-Website für Systeme wie ChatGPT, Gemini oder Perplexity ist dabei kein teures Zusatzprojekt, sondern das logische Ergebnis einer ohnehin sauberen Datenarchitektur. Wer medizinische Verfahren, Leistungsspektren und Fallzahlen strukturiert über Schema.org-Markups im Code hinterlegt, schützt sein Haus schon heute vor digitaler Unsichtbarkeit in den neuen Suchtechnologien. Denn nur durch die Bereitstellung harter, maschinenlesbarer Fakten wird ein Krankenhaus von generativen KI-Systemen überhaupt als vertrauenswürdige Quelle wahrgenommen und empfohlen.

Herr Entzminger, vielen Dank für dieses differenzierte und informative Gespräch!

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Über den Gesprächspartner

Jan Entzminger ist Inhaber und CEO von blindwerk – neue medien GmbH. Die 2001 gegründete Digitalagentur mit Sitz in Rhodt unter Rietburg (Rheinland-Pfalz) ist auf die agile Umsetzung komplexer IT-Projekte spezialisiert und entwickelt maßgeschneiderte Web- und Portallösungen für Kliniken, Universitätsklinika und Gesundheitseinrichtungen – von der barrierefreien Klinikwebseite über Patientenportale bis hin zu komplexen Fachbereichs- und Zuweiserlösungen. Aktuell begleitet blindwerk das Universitätsklinikum des Saarlandes bei seinem umfassenden Website-Relaunch. Für die Qualität ihrer Arbeit im Klinikumfeld wurde die Agentur mehrfach ausgezeichnet: unter anderem mit einer Nominierung für den Health Media Award sowie dem 1. Platz bei „Deutschlands beste Klinikwebseite". Darüber hinaus bietet die LinkedIn-Unternehmensseite von blindwerk tagesaktuelle Informationen zu relevanten IT- und Digitalisierungsthemen im Gesundheitswesen sowie einen monatlichen Newsletter. Als autorisierter Förderberater begleitet die Agentur Kliniken und Einrichtungen zudem bei der Beantragung von Fördermitteln.

 

Quelle: Krankenhaus-IT Journal, Ausgabe 04 / 2026 - Stand August 2026

Symbolbild: generiert mit künstlicher Intelligenz (ChatGPT / OpenAI)

 


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