Bekannt und nicht genutzt: Noch keine „Killerapplikation“ für die ePA

ePA

Veröffentlicht 21.04.2023 06:30, Dagmar Finlayson

„Kommunikation im Gesundheitswesen – ohne die Bürger:innen geht es nicht“ – unter diesem Motto versammelten die Hochschule Osnabrück, die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) sowie das Netzwerk Versorgungskontinuität am 1. März 2023 in der Region Osnabrück eine Reihe illustrer Rednerinnen und Diskutanten sowie eine interessierte und kommentarfreudige Zuhörerschaft. Das Symposium an der Hochschule Osnabrück fand unter der Moderation von Martin Wiesner (Hochschule Heilbronn) und Prof. Dr. Ursula Hübner (Hochschule Osnabrück) statt. Fazit: Die eine „Killerapplikation“, die der ePA zu einem fulminanten Durchbruch verschafft, gibt es vermutlich nicht.

von Wolf-Dietrich Lorenz


Was Bürger über die elektronische Patientenakte denken

„Ohne die Bürger:innen geht es nicht“, denn längst sprechen wir nicht mehr nur über Digitalisierung im Krankenhaus oder über Digitalisierung der Arztpraxen. Mit der durch die Krankenkassen zur Verfügung gestellten elektronischen Akte, der sogenannten elektronischen Patientenakte (ePA), gibt es einen sicheren Datenspeicherort, in dem Arztbriefe, Pflegeüberleitungsbogen, Schmerz- und Diabetestagebücher abgelegt werden können. Ziel ist es, den Informationsaustausch zwischen den Leistungserbringern unter der Datenhoheit der Patienten zu ermöglichen. Eine solche sichere ePA als Werkzeug bietet grundsätzlich Funktionen an, die ähnlich derjenigen Systeme in Skandinavien sind. Dort wird eine Kommunikation zwischen den Leistungserbringern unter Einbeziehung der Patienten, Bürger und Versicherten seit langem praktiziert.

Die ePA ist nicht bekannt und wird nicht genutzt

Wo ist nun das Problem? An dieser Stelle setzt das Symposium als Dialogplattform von Wissenschaft, Krankenkassen, Vertretern eines digitalen Gesundheitswesens und Bürgerinnen an. „Das aktuelle Hauptproblem liegt  darin“, so Lea Brandl von der Universität zu Lübeck, „dass viele zwar schon einmal von einer elektronischen Akte gehört haben, aber nicht wissen, ob sie ‚die‘ ePA haben“. In einer bundesweiten Umfrage der GMDS Arbeitsgruppe Consumer Health Informatics zu diesem Thema hatte sich gezeigt, dass zwar 92% der Befragten das Konzept der ePA kannten, von diesen aber nur sehr wenige eine solche tatsächlich nutzten. „Auch wenn täglich immer noch über 200 Personen dazukommen, sind doch die Anmeldezahlen insgesamt sehr niedrig“, bestätigt Frank Leive, von der Techniker Krankenkasse, einer Krankenkasse, die 60% aller Personen mit einer aktiven ePA – gezählt über alle Krankenkassen hinweg – in sich vereinigt. „Das Nutzungsproblem kann behoben werden“, so Lena Dimde, Produktmanagerin der ePA bei der gematik und Martin Saß vom Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) in der Paneldiskussion, „wenn das Opt-out Verfahren greift.“ Bei einem solchen müssen sich die Bürger nicht anmelden, sondern müssen aktiv widersprechen, wenn sie die Akte nicht nutzen wollen. Damit haben die Leistungserbringer aus Medizin, Pflege und Gesundheitswesen allgemein die Möglichkeit, die relevanten Dokumente digital in der Akte abzulegen, da ja jeder Versicherte grundsätzliche eine Akte hat.

Daten und Dokumente als Schlüssel zur Nutzung

Denn nur wenn Daten in der Akte sind, bringt diese einen Mehrwert. Diese schlichte Wahrheit führt zu dem zweiten Hauptproblem:der Art und dem Format der Daten. Wenn nämlich nicht nur eingescannte Papierbriefe oder PDF-Dokumente hochgeladen, sondern wenn menschen- und maschinenlesbare Daten bereitgestellt werden sollen, braucht es interoperable Daten. Uta Ripperger von der mio42 GmbH erläuterte das Verfahren zur Standardisierung der Medizinischen Informationsobjekte (Inhalte der ePA): „Sollten bestehende Formulare standardisiert werden, wie der Impfpass, so ist das mehr oder minder einfach, da die Inhalte ja bereits feststehen. Anders sieht es bei dem Pflegeüberleitungsbogen aus. Hier braucht es einen Konsens der Pflegekräfte, Einrichtungen und Verbände“. Dieser Prozess wurde erfolgreich abgeschlossen, so dass – wie Uta Ripperger mitteilte – nunmehr pflegerische Informationen bei Entlassung aus dem Krankenhaus in eine Pflegeeinrichtung oder an den Hausarzt zeitnah über die ePA gelangen können. Für die Patienten bedeutet das, dass sie bei Ankunft zu Hause oder im Heim vorbereitet empfangen werden können: alle Medikamente sind per Rezept verordnet und abgeholt, der Rollator steht bereit und der Physiotherapeut kommt am nächsten Tag zur ersten Sitzung. 

Viele Detailinformationen notwendig für eine interprofessionelle Versorgung

Am Beispiel des Medizinischen Informationsobjektes „Überleitungsbogen Chronische Wunde“ zeigten Mareike Przysucha und Dr. Georg Schulte von der Forschungsgruppe Informatik im Gesundheitswesen der Hochschule Osnabrück wie weitere Detailinformationen zu Menschen mit chronischen Wunden aussehen müssen, damit sie zu einem Medizinischen Informationsobjekt (MIO) für die ePA werden. „Der Anwendungsfall Chronische Wunden bietet sich insofern als MIO an, da in Diagnostik und Therapie alle gefordert sind: die Ärzteschaft mit unterschiedlichen Fachrichtungen, die Pflege, Wundexperten, Physiotherapie und der Patient selbst, um nur die wichtigsten zu nennen.“ erläutert Mareike Przysucha. „Heilung von chronischen Wunden ist nur dann erfolgreich, wenn der Patient mitmacht“, ergänzt Dr. Georg Schulte, der selbst Pflegefachperson ist. 

Die elektronische Patientenakte  - Herausforderung für die Versicherten

Frau Dr. Löhberg als Vertreterin der Selbsthilfegruppe Pflegende Angehörige stimmt dem in der Abschlussdiskussion. „Gerade diejenige Gruppe, nämlich multimorbide Patienten, pflegebedürftige und gebrechliche Menschen, auch solche mit Behinderungen, die am meisten von der ePA profitieren, sind diejenigen, die möglicherweise Schwierigkeiten mit der Bedienung haben.“ „Das ist eine Herausforderung für die Hersteller von Gesundheits-IT“, räumt Martin Saß vom bvitg ein und ermahnt „Software muss zusammen mit den Anwendergruppen entwickelt werden. Hierfür gibt es die Prinzipien der partizipatorischen und agilen Softwareentwicklung“. „Der erste Schritt sollte die ePA als Kommunikationsmittel der Leistungserbringer aus Ärzteschaft und Pflege sein“, erwidert Lena Dimde von der gematik, „Auch hier ist zwar Benutzerfreundlichkeit gefragt, stellt jedoch nicht eine solche Hürde dar wie für die vulnerablen Gruppen“. Frau Dr. Löhberg sieht es ähnlich: „Der Prozess zur Befüllung der ePA liegt in der Hand der Ärzte und anderen Leistungserbringer. Aber der Nutzen muss unmittelbar für den betroffenen Menschen wahrnehmbar sein“. Frau Dr. Löhberg sieht daher in dem Pflegeüberleitungsbogen und dem Überleitungsbogen Chronische Wunde sehr sinnvolle Anwendungen für die ePA. 

Die ePA für alle

Aber nicht alle Versicherten haben Probleme mit der Bedienung einer ePA und soll die ePA nicht die Datensammlung eines Menschen von Geburt an sein, wie es Frau Dr. Löhberg fordert. Jeder noch so gesunde Mensch kann plötzlich krank werden oder einen Unfall erleiden. Oder die Daten von unterschiedlichen Ärzten müssen eingesammelt werden, wenn man umzieht. Es gibt für alle Gruppen von Menschen Anwendungsfälle der ePA. Die eine „Killerapplikation“, die der ePA zu einem fulminanten Durchbruch verschafft, gibt es vermutlich nicht. Darüber waren sich die Diskutanten und die Zuhörerschaft einig.Wer in der Pause oder nach der Veranstaltung noch ein persönliches Statement zur ePA abgeben wollte, für den stand das Rote Sofa des Osnabrücker Gesundheitscampus bereit.

Über uns

Hochschule Osnabrück
Die Hochschule Osnabrück ist die größte und leistungsstärkste Hochschule für angewandte Wissenschaften in Niedersachsen. Mit vier Fakultäten (Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur, Ingenieurwissenschaften und Informatik, Management, Kultur und Technik in Lingen sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften) und dem Institut für Musik befindet sich die Hochschule an den Standorten Osnabrück und Lingen. In den vergangenen Jahren ist die Hochschule stark gewachsen. Mit mehr als 14.000 Studierenden (Stand Frühjahr 2020) und rund 100 Studiengängen im Bachelor-, Master- und Weiterbildungsbereich. Die Hochschule Osnabrück ist einer der Pioniere in der Akademisierung der Pflege und der Integration von Informatik und Digitalisierung in Lehre und Forschung im Gesundheitswesen. Der Osnabrücker Gesundheitscampus ist die gemeinsame Transfer-Plattform im Gesundheitswesen von Hochschule und Universität Osnabrück. Weitere Informationen zur Hochschule unter www.hs-osnabrueck.de und zur Forschungsgruppe Informatik im Gesundheitswesen https://www.hs-osnabrueck.de/forschung ... atik-im-gesundheitswesen/.

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (GMDS)
Die "Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) e.V." ist eine unabhängige wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft. Sie hat ihr vorrangiges Wirkungsfeld in der Medizinischen Informatik, Medizinischen Biometrie, Medizinischen Bioinformatik und Systembiologie sowie der Epidemiologie einschließlich der Medizinischen Dokumentation im Gesundheitswesen in Theorie und Anwendung, in Forschung und Lehre. Sie bietet ihre medizin-informatorischen, biometrischen und epidemiologischen Methoden als "Querschnittsfach" allen medizinischen Teilgebieten in Kooperation an und entwickelt diese Methoden gemeinsam insbesondere mit der Informatik, Mathematik, Statistik, Wirtschaftswissenschaft, Klinischen Forschung, Bioinformatik und der Versorgungsforschung weiter. Mit zurzeit ca. 2.000 Mitgliedern ist sie die einzige wissenschaftliche Fachgesellschaft, die diese fünf Disziplinen gemeinsam in Deutschland vertritt. Die Arbeitsgruppen Consumer Health Informatics (Leitung Dr. Monika Pobiruchin, Stellvertretung: Veronika Strotbaum, Prof. Dr. Björn Schreiweis) und Informationsverarbeitung in der Pflege (Leitung Prof. Dr. Björn Sellemann, Stellvertretung: Prof. Dr. Ursula Hübner, Prof. Dr. Elske Ammenwerth) gehören zu dem Fachbereich Medizinische Informatik innerhalb der GMDS. Weitere Informationen über die GMDS über www.gmds.de.

Netzwerk Versorgungskontinuität in der Region Osnabrück e.V. 
Das Netzwerk Versorgungskontinuität in der Region Osnabrück e.V. ist ein Zusammenschluss aus Krankenhäusern, Altenpflegeeinrichtungen, ambulanten Pflegediensten und der Hilfsmittelindustrie unter der Leitung von Prof. Dr. Ursula Hübner, das 2001 ins Leben gerufen wurde. Es wirkt als eine Plattform des Austausches und der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis zu Themen der Versorgungskontinuität durch strukturierten Informationsaustausch an den Schnittstellen der Versorgung, insbesondere Sektoren, Einrichtungen und Abteilungen. Das Netzwerk beteiligt sich an der Konzeption von IT-Standards für die pflegerische Überleitung und den Transfer von Patienten über Versorgungsgrenzen. Seit Beginn veranstaltet das Netzwerk jährlich einen Workshop bzw. ein Symposium zu aktuellen Themen mit nationalen und internationalen Referenten. Weitere Informationen zu dem Netzwerk über die Geschäftsführerin Nicole Egbert und www.netzwerk-os.de.

 

von Wolf-Dietrich Lorenz

Foto: Adobe Stock / MQ-Illustrations


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