BERLIN ATRIAL FIBRILLATION 2026 | 5.–6. JUNI 2026
Vorhofflimmern ist komplex und die Zahl der Behandlungsmöglichkeiten wächst. PD Dr. Verena Tscholl und Prof. Dr. Felix Hohendanner vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) sprechen über Ambulantisierung, neue Ablationstechnologien und künstliche Intelligenz im EP-Labor. Am 5. und 6. Juni laden sie gemeinsam mit Prof. Gerhard Hindricks zum Berlin Atrial Fibrillation Meeting 2026 ein.
Bild: Prof. Dr. Felix Hohendanner, DHZC – Deutsches Herzzentrum der Charité, Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin, Campus Mitte, Berlin, Leitung Herzkatheterlabore, PD Dr. Verena Tscholl, DHZC – Deutsches Herzzentrum der Charité, Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin, Campus Mitte, Berlin, Leitung Rhythmologie. (Fotos: DHZC)
Vorhofflimmern gilt als die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung – trotzdem ist , in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Warum sollte man als Kardiologe das Thema heute besonders auf dem Schirm haben?
Hohendanner: Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung – und ihre Häufigkeit nimmt mit dem Alter stark zu. Die Folgen sind erheblich: Das Schlaganfallrisiko steigt deutlich, das Herz wird dauerhaft belastet. Was die Behandlung zusätzlich anspruchsvoll macht: Vorhofflimmern kommt selten allein. Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Übergewicht – das hängt alles zusammen. Als Kardiologin oder Kardiologe reicht es nicht, nur den Rhythmus zu behandeln und die Begleiterkrankungen zu ignorieren.
An wen richtet sich das Berlin Atrial Fibrillation Meeting?
Hohendanner: Die Veranstaltung richtet sich vor allem an klinisch tätige Kardiologinnen und Kardiologen, die am Thema Vorhofflimmern wissenschaftlich aber natürlich insbesondere auch klinisch interessiert sind, sowohl in der Praxis als auch im Krankenhaus. Ein Teil der Sessions geht dann in Richtung spezifischer elektrophysiologischer Fragen, die für interventionelle Elektrophysiologen relevant sind. Wir machen es jetzt zum dritten Mal in Folge, und wir haben es bewusst international ausgerichtet.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte?
Hohendanner: Wir starten mit dem Thema Ambulantisierung. Seit dem 1. Januar ist es in Deutschland möglich, Katheterablationen bei Vorhofflimmern ambulant durchzuführen – die sogenannte Hybrid-DRG macht das jetzt vergütungsfähig. Die Patienten kommen morgens, werden abladiert und gehen noch am selben dafür Tag nach Hause.
Tscholl: In anderen Ländern – Großbritannien, Spanien – werden Ablationen von Vorhofflimmern bei Patient:innen seit Corona in großem Stil ambulant durchgeführt. Daher haben wir bereits viele Erfahrungswerte. Wir am DHZC führen rund 30–50 Prozent unserer Vorhofflimmerablationen ambulant durch und haben damit durchaus positive Erfahrungen gemacht, dass dies auch für Patient:innen sicher ist. In Deutschland ist es jetzt relativ neu. Die Umsetzung der ambulanten Versorgung erfordert eine grundsätzliche Veränderung vieler Prozesse und wird intensiv diskutiert. Deswegen haben wir gleich am Anfang eine Pro-Con-Session im Programm.
Wie begleiten Sie das wissenschaftlich?
Hohendanner: Wir haben die HybridAF-Studie, in der wir die Auswirkungen mittelfristig beobachten – nicht nur gesundheitsökonomisch, sondern insbesondere auch mit Patient Reported Outcome Measures. Also: Wie erleben die Patienten das selbst? Die bisherigen Rückmeldungen sind relativ eindeutig: Die Patienten sind sehr gerne zu Hause. Das vergisst man als Arzt manchmal, dass ein Krankenhausaufenthalt, auch ein kurzer, für viele Menschen eine Belastung ist.
Der zweite Tag dreht sich um neue Technologien. Was hat sich in den letzten Jahren getan?
Tscholl: Am DHZC sind alle neuen Ablationstechnologien verfügbar. Das Prinzip dahinter ist die sogenannte Pulsed-Field-Ablation, kurz PFA: Dabei wird Herzgewebe nicht mehr durch Hitze oder Kälte behandelt, sondern durch gezielte elektrische Impulse. Das Interesse daran ist groß, weil umliegendes Gewebe dabei deutlich weniger belastet wird. Wir haben alle verfügbaren Katheter-Systeme – Affera, Pulse Select, VariPulse, Dual Energy, Farapulse, Volt. Das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal am DHZC. Wir können die Stärken und Schwächen der einzelnen Verfahren untereinander gut einschätzen und das jeweils passende Verfahren individuell für den Patienten anwenden.
Hohendanner: Wir können uns die Patientin oder den Patienten anschauen und fragen: Welche Technologie ist hier wirklich die beste? Genau darum geht es in dieser Session – nicht darum, einzelne Systeme besonders in den Vordergrund zu rücken, sondern um diese patientenzentrierte, individualisierte Frage.
PFA wird aber auch in einer Pro-Con-Session diskutiert. Ist die Technologie also nicht unumstritten?
Tscholl: Der große Pluspunkt von PFA ist die Sicherheit. Die Outcomes sind ähnlich wie bei bisherigen Verfahren. Aber die Risiken sind andere. Die früheren Sorgen bei der thermischen Ablation mit Kälte oder Hitze – Schäden am Nervus phrenicus, Fistelbildung zwischen Speiseröhre und Vorhof – gibt es bei PFA de facto nicht. Es gibt mittlerweile sehr gute Daten dazu. Auf der anderen Seite sehen wir neue Komplikationen, wie zum Beispiel Verengungen der Herzkranzarterien. Diese sind zwar selten, trotzdem werden wir neue Aspekte der PFA-Therapie und deren mögliche Komplikationen diskutieren.
Künstliche Intelligenz im EP-Labor – wie muss man sich das vorstellen?
Hohendanner: Das ist relevant, weil ein substanzieller Anteil der Patientinnnen und Patienten nach einer Ablation leider trotz perfekt durchgeführter Prozedur Rezidive bekommen. Man kann zwar erneut an den bekannten Stellen abladieren – aber es gibt auch andere Regionen im Vorhof, die eine Rolle spielen, und die zu finden ist bisher schwierig. Genau da setzen neue KI-Systeme an.
Tscholl: Ein kommerziell verfügbares System heißt VOLTA. Es analysiert die Signale des Katheters, während man eine sogenannte 3D-Rekonstruktion des Vorhofs erstellt. Sobald auffällige Signale, eine sogenannte spatiotemporale Dispersion, auftreten, erhält man einen Signalton und ein visuelles Signal. Diese auffälligen Areale werden anschließend zusätzlich abladiert. Es gibt inzwischen randomisiert-prospektive Studien, die zeigen, dass es in Bezug auf Rezidivraten diese Ablationsstrategie bei bestimmten Patienten einen echten Vorteil zusätzlichen Nutzen bringt.
Hohendanner: Wir haben zudem eigene patentierte KI-Entwicklungen zur Rezidivprognose, die wir über den Digital Health Accelerator des Berlin Institute of Health (BIH) gefördert bekommen haben und im Rahmen von Studien untersuchen.
Eine ungewohnte Session ist die Studienkritik mit Dr. John Mandrola. Was erwartet die Teilnehmer dort?
Hohendanner: John Mandrola hat einen sehr bekannten Podcast, „This Week in Cardiology" – sicher einer der am häufigsten gehörten Podcasts in der Kardiologie. Da werden Studien wöchentlich sehr genau unter die Lupe genommen: Ist die Statistik gut gemacht? Welche Interessen stehen hinter bestimmten Studien? Er ist wirklich, in positivem Sinne, kritisch. Junge Kolleginnen und Kollegen stellen nun im Rahmen des Meetings drei Studien aus 2025 und 2026 vor, und John Mandrola kommentiert: Wo sollten wir bei dieser Studie kritisch hingucken? Das haben wir letztes Jahr zum ersten Mal gemacht, und es kam sehr gut an.
Welche Forschungsfragen beschäftigen Sie persönlich gerade?
Tscholl: Mein Thema ist Vorhofflimmern bei Frauen. Frauen entwickeln Vorhofflimmern zu einem späteren Zeitpunkt und die Vernarbung des Vorhofs ist ausgeprägter. Männer sind in aktuellen Studien deutlich überrepräsentiert, sodass valide und vor allem prospektive Daten zur optimalen interventionellen Therapie für Frauen fehlen. Hier sehen auch die Leitlinien eine große Lücke, sodass ich hierfür einen Antrag beim DZHK gestellt habe.
Hohendanner: Wir haben am DHZC diverse gemeinsame Studien, teils mit anderen Unikliniken, unter anderem eine Proteom-Analyse bei Vorhofflimmerpatienten. Und natürlich KI und PFA-Ablation – dazu haben wir ebenfalls einen DZHK-Antrag eingereicht.
Was möchten Sie potenziellen Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch mitgeben?
Tscholl: Es ist eine Möglichkeit, in Deutschland sehr nah an Experten heranzukommen; Man kann Fragen stellen,; es ist eine offene Diskussion. Da sollte man hingehen, wenn man Neues erfahren will – zu Technologien, zur Ambulantisierung, zu neuen Studien. Und das ist auch ein Aufruf an jüngere Kollegen: Hier trifft man sich, das ist ein kleiner Kongress für Deutschland.
Hohendanner: Niederschwellig, in einem Rahmen, wo man wirklich Dinge mit internationalen Expertinnen und Experten diskutieren kann. Und das alles völlig kostenlos.
Berlin Atrial Fibrillation 2026 Meeting | 5.–6. Juni 2026 | AUDIF Auditorium Friedrichstraße, Friedrichstr. 180, 10117 Berlin | Teilnahme kostenlos (inkl. Catering) | 8 CME-Punkte (Ärztekammer Berlin) | Anmeldung: www.dhzb-akademie.de/course/berlin-atrial-fibrillation-2026/ | Kontakt: programs@dhzb-akademie.de
Quelle: © DZHK
Bild: DHZC










