Digitalisierung schafft mehr Zeit für menschliche Nähe in der Pflege

Pflege

Veröffentlicht 11.11.2021 12:30, Dagmar Finlayson

Die Pflege gilt als eine der wichtigsten sozialen und gesellschaftlichen Aufgaben. Ohne eine stärkere Digitalisierung wird sie zukünftig weder zu organisieren, noch zu finanzieren sein.

Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass es einmal keine Pflegeversicherung gab. Dabei wurde sie tatsächlich erst 1995 als eigenständiger Zweig der Sozialversicherung etabliert. Seitdem sind die Herausforderungen noch stärker gewachsen als die Kosten und die Leistungsumfänge. Der wohl wichtigste Grund dafür ist der demografische Wandel. Waren bei der Einführung der Pflegeversicherung noch 13 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung älter als 67 Jahre, sind es aktuell schon 20 Prozent. Und der Anteil potenziell pflegebedürftiger Altersgruppen wächst weiter. 2030 soll er bereits bei knapp einem Viertel der Gesamtbevölkerung liegen. Die wachsende Gruppe alter Menschen korreliert also mit immer weniger jungen Menschen, die ihre Pflege finanzieren und leisten können. Die Schere öffnet sich immer weiter. Deshalb leidet das Pflegesystem bereits seit vielen Jahren unter ernsten strukturellen Problemen.

Die schwierige Verbindung von Empathie und Technik

Das hat fatale Konsequenzen für alle Beteiligten. Schon heute kämpft der Pflegesektor mit einem großen Personalengpass, der sich ohne tiefgreifende Veränderungen tendenziell weiter verschärfen wird. Der kurze öffentliche Beifall für Pflegekräfte während der Pandemie hat nur ein schwaches Licht auf die zum Teil schlechten Arbeitsbedingungen im Pflegeberuf geworfen. Sie sind häufig herausfordernd, wenig attraktiv, gering bezahlt und vielfach belastend. Der Arbeitsalltag ist geprägt durch eine schwierige Melange aus körperlichen und psychischen Anforderungen wie Zeitdruck, Schichtarbeit und hohe Arbeitsintensität, ganz zu schweigen von den häufig auch emotional anspruchsvollen und herausfordernden Situationen.

In dieser prekären Lage versprechen IT und Digitalisierung konstruktive Ansätze für Entlastung. Bevor allerdings über konkrete Lösungsszenarien diskutiert werden kann, muss der besondere Charakter von Pflegeeinrichtungen beleuchtet und eingebracht werden. Pflege ist ein Paradebeispiel für einen empathisch geprägten sozialen Interaktionsraum mit einem Wertekanon von Zuwendung, Sensibilität, Aufmerksamkeit, Mitleid und Hilfsbereitschaft. Die Menschlichkeit steht immer im Vordergrund – und das soll auch so bleiben. Vornehmste Aufgabe der Digitalisierung muss es dementsprechend sein, mehr Raum und Zeit dafür zu schaffen. Das bedeutet, IT-Technologien dürfen sich keinesfalls als störende Artefakte zwischen Pflegende und zu Pflegende schieben. Damit wäre genau das Gegenteil dessen erreicht, was mit ihrem Einsatz angestrebt wird. Ein weiterer wichtiger Schritt zur Entlastung des gesamten Pflegesystems ist die Anbindung an die Telematik-Infrastruktur. Nur dann können auch die Pflegebereiche digital auf die Akten der Patienten zugreifen und diese entsprechend in bidirektionalem Austausch aktualisieren. Der gleiche Ansatz muss auch innerhalb der Rehabilitation verfolgt werden.

IT hilft auf vielen Pflegefeldern

Konkret verspricht die Integration von IT-Lösungen in die Pflege die Entlastung von Routineaufgaben, mehr Effizienz in organisatorischen Strukturen und Abläufen, technische Unterstützung bei der Pflegearbeit sowie Vereinfachung der Kommunikation. Die in der Praxis pflegefernsten Einsatzfelder, quasi das Backend, sind die Automatisierung von Arbeitsabläufen und die Digitalisierung von Prozessen. Das kann der Schritt vom Papierhandling zur digitalen Dokumentation sein, die Digitalisierung von Kostenabrechnungen, Personalplanung, Besucherregelungen sowie Zeit-, Medikamenten- und Supply-Management. Hier kann IT für effizientere, und damit weniger zeitbindende Abläufe sorgen. Zeit, die damit frei wird für die menschliche Interaktion.

Gleichzeitig steht mit der Digitalisierung eine Fülle von unterstützenden pflegenahen Maßnahmen am Frontend zur Verfügung, die den Pflegekräften die Arbeit erleichtern und sie qualitativ verbessern. Gemeinsam mit Partnern und Kunden entwickelt CGI aktuell an ereignisgesteuerten Mechanismen mit dem Einsatz von IoT-, GPS- oder Kamera-Sensoren, die das Pflegepersonal massiv entlasten. Diese „Smart Room Sensoric“ erkennt unter anderem die Neigung der Betten oder unnatürliche Lagen von Senioren im Bett, ob ein zu Pflegender das Bett verlassen hat oder leblos auf dem Boden seines Zimmers liegt. Das eröffnet direkte Aktionsmöglichkeiten wie exemplarisch Push-Benachrichtigungen für eine Pflegekraft bei abweichenden Verhaltensmustern oder die Automatisierung bei bestimmten Ereignissen, wie etwa die Aktivierung der Beleuchtung, wenn bestimmte, vom Normalen abweichende Bewegungen erkannt werden. Auf Basis dieser Daten können zudem indirekte Optionen genutzt werden, wie zum Beispiel die Auswertung der Daten zur Analyse und Mustererkennung, die Optimierung der Arbeitsabläufe und der Einsatzplanung oder die Erkennung von Anomalien.

Steigende Attraktivität – sinkende Kosten

Abgesehen von diesen operativen Optimierungsoptionen haben die Effekte der Digitalisierung in der Pflege noch zwei weitere potenziell positive Konsequenzen: Richtig eingesetzt erhöhen sie die Attraktivität von Pflegeeinrichtungen als Arbeitgeber und senken die internen Kosten. Junge Menschen die sich heute für Pflegeberufe interessieren sind Digital Natives. Für sie ist der Umgang mit digitalen Werkzeugen nicht nur selbstverständlich, sie steigern auch die Zufriedenheit mit ihrer Arbeitsumgebung. Zusammen mit der dadurch gewonnen Freiheit für mehr menschliche Nähe und Interaktion mit den Pflegebedürftigen sind sie ein gewichtiges Argument dafür, diesen Beruf zu ergreifen. Auch auf der Kostenseite macht sich die Digitalisierung positiv bemerkbar. Das betrifft die steigende Effizienz durch digitale Workflows ebenso wie größere Planungstransparenz, zielgenauere Personaleinsatzplanung oder schnellere Kommunikation.

Hier kommen auch Big Data und Künstliche Intelligenz ins Spiel. Sie versprechen weitere Entlastung, etwa für die Bestands- und Nachfrageprognose. Mathematische Modelle ermöglichen eine genaue Voraussage zur Inventarnutzung. Patientenanzahlen, Krankheitsfälle und Verhaltensmuster können Einfluss darauf nehmen, wie beispielsweise Desinfektionsmittel, Atemmasken, Schutzhosen oder Hygienehandschuhe genutzt werden. Die Konsolidierung dieser Daten führt zu Einsparungen bei Bestellgrößen und Lagerbestand. Eine automatisierte Marktbeobachtung kann Rabattierungen oder Preisänderungen verfolgen und bei bestimmten Triggerwerten entsprechende Bestellungen auslösen. Auch in der Telemedizin spielt die Verwendung von KI-gestützter Versorgung eine große Rolle. So sind in einem weiteren Schritt Kommunikationsportale für Patienten, Pfleger, Ärzte und Verwaltung denkbar, die für die berechtigten Personen alle relevanten Informationen zentral bereitstellen und so die Zusammenarbeit enorm vereinfachen und beschleunigen.

Ein großer Teil dieser pflegeentlastenden IT-Lösungen ist in angepasster Form ebenso bei der häuslichen Pflege einsetzbar. Viele Senioren wollen im Pflegefall gerne im eigenen Zuhause bleiben. Auch dazu kann die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag leisten.

Autor:

Mario Riesmeier ist Director Consulting Expert bei CGI

Quelle Text/Bildmaterial: Quelle CGI

Symbolbild: Pixabay/geralt

 


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