Health-IT Talk: Digitalisierung der Krankenhaushygiene

HealthIT

Veröffentlicht 07.12.2021 10:30, Dagmar Finlayson

Der virtuelle Health-IT Talk im Dezember 2021 informierte über „Digitalisierung der Krankenhaushygiene“ Interessierte aus Krankenhausinformatik und IT in der Gesundheitswirtschaft. Krankenhausinfektionen sind in ganz Europa ein ernst zu nehmendes Problem. Mit einer verbesserten Prävention könnte diese Zahl deutlich verringert werden zum Wohle der Patienten und zur Reduktion der Behandlungskosten. Entsprechend beleuchtet der Health-IT Talk die (IT-)technischen und organisatorischen Elemente sowie die Erfolge im Zusammenspiel. Die Talk-Moderation übernahm Marcus Beck, BVMI.

Um die Krankenhäuser bei der Erfüllung der Anforderungen an die Ausstattung mit Hygienefachpersonal zu unterstützen, wurde im Jahr 2013 das Hygieneförderprogramm eingerichtet. Das Programm fördert Personaleinstellungen, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie Beratungsleistungen. Die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie "DART 2020", die 2015 vom Bundeskabinett verabschiedet wurde, enthält Maßnahmen zur Infektionsprävention.

Infektionsmanagement ist Thema für Krankenhaushygieniker und Hygienefachkräfte sowie Hygienebeauftragte Ärzte und Pflegekräfte.

Richtungsweiser für Krankenhaushygiene sind Parolen wie „Von Infektionsreaktionen hin zur Infektionsprävention“. Infektionsprävention ist eine ganzheitliches Thema. Infektionsprävention ist die Prävention der Ausbreitung von Infektionen oder die Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Infektionsprävention und hygienisches Arbeiten im Gesundheitswesen gehen Hand in Hand. Dies ist notwendig, da Infektionen im Gesundheitswesen schwerwiegende Folgen für eine Gesundheitseinrichtung haben.

Hygiene vom Kosten- zum Erfolgsfaktor

Ein weiterer Richtungweiser ist, das Thema „Hygiene vom Kosten- zum Erfolgsfaktor“ zu transformieren. Hierfür gilt es vor allem, das Bewusstsein ebenso wie eine Budgethoheit zu schaffen. Krankenhaushygiene darf nicht in einer Stabsstelle geparkt werden“, mahnt ein Fachmann in der Diskussion während des Health-IT Talk an. „Es ist Chefsache und ein Querschnittsthema“. Dies umso mehr wegen rechtlicher Konsequenzen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Dr. med. Doris Weitzel-Kage als Chefin der Krankenhaushygiene im Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe Hygiene ist beim Geschäftsführer angesiedelt und anerkannt. Patientenschutz und Präventionsmaßnahmen sind Kernaufgaben.

Für die Umsetzung entsprechender Vorgaben ist die Krankenhausleitung verantwortlich. Sie wird dabei durch Krankenhaushygieniker, hygienebeauftragte Ärzte, Hygienefachkräfte und Hygienebeauftragte in der Pflege unterstützt.

Nach der KRINKO (Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention) ist ausreichender Schutz vor Infektionen und die Einhaltung von Hygieneanforderungen in Krankenhäusern sicher zu stellen, d. h. hier ist entsprechende Sachkunde gefordert, die über den Hygienebeauftragten gewährleistet wird.

Prävention senkt Fallzahlen

Infektionen in Einrichtungen des Gesundheitswesens – auch als nosokomiale Infektion (NKI) oder HAI für Hospital Acquired Infections bzw. Healthcare Acquired Infections bezeichnet – sind eine große Herausforderung. Sie verursachen Leid bei den Patienten und hohe Kosten. Durch eine effektive Prävention könnten die Fallzahlen aber um bis zu 50 Prozent gesenkt werden.

Hygiene im Krankenhaus ist ein entscheidender Qualitätsfaktor, der insbesondere im Tagesgeschäft routiniert umgesetzt werden muß. Die Prozessschritte, Dokumentation als auch Optimierung werden durch unterschiedliche IT-Lösungen erleichtert, wie Tobias Gebhardt, GWA Hygiene GmbH, anhand (IT-)technischer und organisatorischer Elemente skizzierte.

 

Abb:

Ökonomische Notwendigkeiten von Hygienemanagement

„Hygienemanagement“: Wunsch und Wirklichkeit

Nosokomiale Infektionen sind eine Existenzbedrohung für Kliniken. Dies stellte eine Online-Befragung zum Hygienemanagement und Vermeidung nosokomialer Infektionen in Krankenhäusern heraus. Demnach sind für 76 % NKI ein erhebliches Risiko in den nächsten 10 Jahren, für 66 % sogar bereits kurzfristig. Und all das wird durch die Corona-Pandemie noch verstärkt.

Es besteht Optimierungsbedarf in den Kliniken. Beim „Hygienemanagement“ klaffen Wunsch und Wirklichkeit auseinander. Über 95 % halten ein professionelles Hygienemanagement auch künftig für wichtig, aber nur ein Drittel kann bestätigen, dass die Maßnahmen im eigenen Haus optimal umgesetzt werden.

Über die Hälfte der Befragten sehen ihre Einrichtung beim Thema „Struktur“ als „gut aufgestellt“. Das umfasst die personelle Ausstattung ebenso wie das Thema Prozesse. Allerdings wird die Übereinstimmung mit der gelebten Praxis beim Thema „Prozessqualität“ nur von der Hälfte bestätigt, bei der Strukturqualität sogar nur von einem Drittel.

Diese Statistiken ernüchtern. Das Soll an Krankenhaushygienikern beträgt 850, das IST 250. Bei Hygienefachräften steht dem Soll von 5100 lediglich ein IST von 2118 gegenüber. Diese Spezialisten sollen besondere Kenntnisse der Gegebenheiten vor Ort mit den Fachkenntnissen der Hygiene verbinden können.

Eine NKI führt zur Verlängerung des Krankhausaufenthaltes von 3 bis 7 Tagen und zusätzlich Therapie, Labor und Personalkosten. Mehrkosten pro Infektion liegen zwischen 2702 und 13000 Euro. Die jährliche Gesamtbelastung erreicht zwei Milliarden Euro.

Der Weg durch den "Datendschungel"

Dabei steht die Nachverfolgung von Indexpatienten im Fokus. Epidemiologen bezeichnen so die Person, die als Ausgangspunkt einer Infektionswelle identifiziert wurde. Dabei kann es sich um einen vermutlichen oder gesicherten Zusammenhang handeln. Hinzu kommt das Nachverfolgen von medizinischen Geräten.

Noch entstehen beim Weg durch den „Datendschungel“ zeitliche Verzögerungen. Inwiefern technische Lösungen bei der Bekämpfung von NKI relevant sind, zeigt der Blick auf „Nutzung von Daten“. „Wir produzieren Papier“, gibt Dr. med. Doris Weitzel-Kage mit Blick auf eine allgemeine Praxis in der Krankenhaushygiene zu bedenken. Dort sammeln sich in den Krankenhäusern Blätterstapel in Meterlänge zur händischen Auswertung. Papiergebunden geht es weiter. Meldeprotokolle empfängt das ansässige Gesundheitsamt weiterhin per Fax. Umso mehr gefragt sind intelligente Frühwarnsysteme, eine sektorenübergreifende Vernetzung relevanter Daten sowie digitale Lösungen wie Apps oder künstliche Intelligenz.

Allerdings ist ein Datentransfer wegen nicht kompatibler Systeme und Schnittstellenprobleme besonders zum KIS als dem Ankersystem mit den Patientendaten kaum umzusetzen. Über 50% der Arbeitszeit von Hygienefachkräften geht beim Datensammeln verloren. Die eigentliche Arbeit leidet darunter. Das ist frustrierend. „Hygieniker sind die Suchmaschinen,“ pointierte in der lebhaften Diskussion Expertin Weitzel-Kage, Krankenhaushygiene im Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe, über die allgemein hygienerelevanten Methoden der Zuarbeit.

Der insgesamt 130. Health-IT-Talk Berlin-Brandenburg im Dezember 2021 über „Digitalisierung der Krankenhaushygiene“ als Wächter der Infektionsvermeidung informierte rund 40 Interessierte aus Krankenhausinformatik und IT in der Gesundheitswirtschaft.

Health-IT Talk
Branchenprofis tauschen sich im monatlich stattfinden Health-IT-Talk Berlin-Brandenburg verbands- und fachrichtungsübergreifend zur Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft aus. Die vier Partner ( IT-Branchenverband SIBB e.V., KH-IT Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter e.V., BVMI – Berufsverband Medizinischer Informatiker e.V., TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte Medizinische Forschung e.V., BVMI, KH-IT, SIBB, TMF) beschäftigen sich mit aktuellen Branchenthemen in Fachvortrag und Diskussion.

 

Nächster Termin: 17.01.2022, 18:00 Uhr

Wie geht Cloud wirklich: technisch, datenschutzkonform und in der Umsetzung? - ECM in der Cloud aus Herstellersicht und was wünschen sich Anwender?


www.health-it-talk.de

 

 

Tobias Gebhardt, GWA Hygiene GmbH, skizierte (IT-)technischer und organisatorischer Elemente.

Dr. med. Doris Weitzel-Kage, Krankenhaushygiene im Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe: „Wir sind die Suchmaschinen.“

 

Marcus Beck, BVMI, übernahm die Moderation des virtuellen Health-IT Talk im Dezember 2021 über „Digitalisierung der Krankenhaushygiene“.

 

 von Wolf-Dietrich Lorenz

Symbolbild: ©Adobe Stock/48841361


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