DKG: Klimaneutralität als Zielszenario

Potenzial

Veröffentlicht 13.09.2022 05:00, Dagmar Finlayson

Aktuell ist das Klimaschutzpotenzial der Krankenhäuser noch nicht ausgeschöpft. Kliniken sehen Verbesserungsmöglichkeiten, etwa durch Digitalisierung.  Zugleich treffen Versorgungsengpässe und massive Preissteigerungen die Krankenhäuser mit voller Wucht. Perspektiven, Konzepte und IT-Investitionen skizzieren im Interview Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der  Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), und Markus Holzbrecher-Morys, Geschäftsbereichsleiter Digitalisierung und eHealth bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V.

von Wolf-Dietrich Lorenz

Was ist beim Status quo zur Einsparung von Energie zu optimieren? Welche weiterführenden Konzepte haben Krankenhäuser entwickelt?

DKG-Vorstandsvorsitzender Dr. Gerald Gaß: Kliniken haben kurzfristig nur relativ geringe Einsparmöglichkeiten. Versorgungsengpässe oder massive Preissteigerungen treffen die Krankenhäuser deshalb mit voller Wucht. Krankenhäuser sind sehr stark von der Gasversorgung abhängig. 92 Prozent der deutschen Kliniken nutzen neben anderen Energieträgern Erdgas zur Wärmeerzeugung. Diese Kliniken müssen Mehrkosten in Millionenhöhe schultern. Bundesweit rechnen wir im Jahr 2023 mit einem Mehraufwand von über 4 Milliarden Euro beim Energieeinkauf im Vergleich zu 2021. Diese Mehrkosten können die Kliniken weder an die Patienten noch an die Krankenkassen weitergeben. Die Politik muss schnell handeln und einen Inflationsausgleich für die Krankenhäuser auf den Weg bringen. Anderenfalls müssen die Krankenhäuser einen harten Sanierungskurs mit Leistungseinschränkungen und Personalabbau einschlagen.

Gleichwohl können Krankenhäuser perspektivisch als Großverbraucher einen spürbaren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dazu müssen sie aber auch in Technik und Prozesse investieren können. Die seit Jahrzehnten unzureichende Investitionskostenfinanzierung zwingt Krankenhäuser allerdings bisher dazu, die knappen Mittel vorrangig für die notwendigsten Anschaffungen in der direkten Patientenversorgung zu verwenden. Deshalb ist bei der CO2-Neutralität vieles liegengeblieben. Nach einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts sehen 63 Prozent der befragten Kliniken Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich der Energie- und Stromversorgung. Bei der Wärmeversorgung sieht jedes zweite Krankenhaus Handlungsbedarf, etwa bei den technischen Anlagen, der Wärmerückgewinnung und dem Primärenergiemix. Erneuerbare Energien kommen zwar zum Einsatz, jedoch nur in begrenztem Umfang. Auch in anderen Maßnahmefeldern gibt es noch viel Potenzial, zum Beispiel bei der Kälte- und Wasserversorgung oder durch den kontrollierten Einsatz von klimaschädlichen Narkotika.

Wir müssen sehr konsequent daran arbeiten, dass die Krankenhäuser in Deutschland umgehend ihre Energieversorgung und Wärmeerzeugung umstellen. Wir appellieren seit vielen Jahren an Bund und Länder, die dafür notwendigen Investitionsmittel bereitzustellen. Wir fordern in diesem Zusammenhang die Bundesregierung auf, aus dem Sondervermögen zur Klimaneutralität in Deutschland ein Green-Hospital-Investitionsprogramm aufzulegen.

Welche zusätzlich unterstützenden Investitionen der Wirtschaftlichkeit sowie der Versorgungsqualität für Patienten betreffen die IT?

Markus Holzbrecher-Morys, Geschäftsbereichsleiter Digitalisierung und eHealth: Digitalisierung der Prozesse im Krankenhaus kann entscheidend zur Verbesserung der Versorgungsqualität der PatientInnen beitragen und gleichzeitig Prozesse in den Krankenhäusern unterstützen, indem z. B. das Personal von Dokumentationsaufgaben entlastet wird.

Schon zu Beginn des Behandlungsprozesses kann die Datenübernahme relevanter Informationen aus der elektronischen Patientenakte den Wissensstand der Behandler zügig verbessern, den Behandlungsprozess unterstützen und im Idealfall unnötige Belastungen des Patienten vermeiden. Eingebettet in ein digitales Aufnahmemanagement, welches mit Self-Checkin-Funktionen die Wartezeit der Patienten bei der Aufnahme reduziert oder gar ganz vermeidet, können ePA und Co. ihre Stärken ausspielen.

Die digitale Behandlungsdokumentation bildet das Rückgrat für das Gelingen der „digitalen Transformation“ im Versorgungsprozess. Essenziell dafür sind jedoch entsprechend strukturierte und annotierte Daten, damit diese interoperabel in den verschiedenen verarbeitet und richtig interpretiert werden können. Besonders erlebbar wird das Potenzial der Digitalisierung dann bei der elektronischen Medikationsunterstützung. Der belegte Rückgang unerwünschter Arzneimittelereignisse bei gleichzeitiger Entlastung des Personals gerade in Schichtdiensten bedeutet eine echte Verbesserung der Versorgungsqualität.

Demgegenüber stehen Fachkräftemangel, verzögerte Bewilligungsprozesse beim KHZG und ein massiver Wettbewerb der Kliniken untereinander um die begrenzten Ressourcen bei Industrie und Beratungsunternehmen. Die Einführung solcher digitalen Dienste ist daher eher als Marathon zu verstehen, denn als Sprint. Zunächst nimmt die Komplexität bedingt durch die während der Einführung notwendige parallele Vorhaltung der bisherigen und der neuen digitalen Prozesse erst einmal weiter zu. Eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit kann – zumindest kurzfristig – damit nicht erreicht werden. Auf lange Sicht jedoch könnte wieder mehr Zeit für die eigentliche Betreuung der Patientinnen und Patienten „am Bett“ bekommt.

Auch das wäre eine Steigerung der Versorgungsqualität – und zwar sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für die Mitarbeitenden in den Krankenhäusern, die angesichts permanenter Überlastungssituationen dringend Entlastung benötigen, um der Gesellschaft dauerhaft an dieser verantwortungsvollen Stelle zur Verfügung zu stehen.



Klimaneutralität: Mittel für klimagerechte Investitionen

Zusammen mit den Landeskrankenhausgesellschaften wird die DKG in den kommenden Wochen an zahlreichen Orten in den Bundesländern präsent sein und Gesprächsangebote für Presse und Öffentlichkeit organisieren. Mit einer Online-Petition (http://openpetition.de/!AlarmstufeRot) will sie ihre Forderungen an die Politik bekräftigen.

Fehlende Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen und bislang nicht vorhandene politische Unterstützung haben den Klimaschutz in den Krankenhäusern ausgebremst. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) für die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Es handelt sich um die erste umfassende Erhebung klima- und energierelevanter Daten deutscher Krankenhäuser. Zusätzlich identifiziert die Studie über 100 Klimaschutzmaßnahmen, um die Klimabilanz von Krankenhäusern zu verbessern.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Energiekrise bleibt der Umwelt- und Klimaschutz ein vorrangiges Ziel der Krankenhäuser. Die über 100 Klimaschutzmaßnahmen betreffen laut Studie acht Handlungsfelder wie Nutzerverhalten, Klimafolgenanpassungen, Abfall- und Energiemanagement. Im wichtigen Feld von Energie und Strom gilt es, den Primärenergiebedarf zu reduzieren. Hierzu können Erdwärmesonden eingesetzt werden. Dabei bieten die Laufzeitoptimierung von raumlufttechnischen Anlagen sowie Zeitschaltungen und Präsenzmelder die größten Möglichkeiten, kurzfristig Energie und Strom einzusparen. Auch die Ausgliederung der Energieversorgung an externe Dienstleister (Contracting) trägt erheblich dazu bei, dass Krankenhäuser sich schnell und effizient energetisch sanieren können.

Die energetische Sanierung von Krankenhäusern in Deutschland erfordert zusätzliche Investitionsmittel in großem Umfang - im mittleren zweistelligen Milliardenbereich.

https://www.dkgev.de


Foto (v.li.): Markus Holzbrecher-Morys, Geschäftsbereichsleiter Digitalisierung und eHealth bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. und Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der  Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG)

 






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