Durch Bürokratie-Lockdown wertvolle Pflege-Ressourcen frei machen

Entlastung

Veröffentlicht 14.01.2022 08:50, Dagmar Finlayson

Pflegepersonal von Bürokratie ist entlasten Top-Thema: Die deutschen Krankenhäuser reagierten mit Unverständnis, dass bei der Konferenz von Bundeskanzler und Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten Anfang Januar 2022 keine Entscheidungen getroffen wurden, um die Krankenhäuser von bürokratischen Lasten zu befreien. Gerade in der akuten Situation, in der zunehmend auch mit Personalengpässen aufgrund von Omikron gerechnet werden muss, müssen die Mitarbeitenden von medizinisch nicht notwendigen Dokumentationen entlastet werden. Hoffnung liegt dabei auch auf dem technischen Fortschritt.

Ernüchternde Erfahrungen kann der Deutsche Caritasverband schon seit Jahren beisteuern. „Eigentlich könnten unsere Pflegekräfte stolz sein auf diese Leistung. Nein, sie stöhnen - und sie stöhnen zu Recht über eine unangemessene Pflegedokumentation, die ihnen die Zeit stiehlt, die sie doch so nötig für die Bewohner bräuchten. Sie stöhnen zu Recht über Prüfungen, bei denen im Vordergrund steht, ob gemessen, gewogen, fotografiert, berechnet, verknüpft und verschriftet worden ist, bei denen Standards gesichtet werden, die oft käuflich erworben, jungfräulich in die Regale gestellt und vor den Prüfungen oft noch nicht mal entstaubt wurden.“

Vielleicht gibt es aufgeschreckte Beamte, Politiker oder Behörden, denen sich beweisen lässt, wie wichtig Versorgung ist, zumindest gemessen an den zeitlichen Ressourcen. Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) weiß um die Probleme Bescheid. „Wir brauchen die Mitarbeitenden in der Versorgung und nicht, um Krankenkassen-Anfragen zu beantworten und MDK-Prüfungen zu bearbeiten. Einerseits entscheidet die Politik richtigerweise, dass die Quarantänezeit für nicht positiv getestete Kontaktpersonen die geimpft sind, reduziert wird, um Personalausfälle zu verhindern. Andererseits bindet sie aber weiter Arbeitskraft in überflüssigen Dokumentationen. Es ist unverständlich, dass die Politik diese Problematik der Krankenhäuser ausblendet“ erklärte der DKG-Vorstandsvorsitzende Gaß.

90% vom Ausmaß der Bürokratie frustriert

Grundsätzlich zählt zum Berufsbild der Pflegekraft in erster Linie die Versorgung und Betreuung der Patienten. Tatsächlich kommen zu den konkreten pflegerischen Tätigkeiten jedoch viele bürokratische Aufgaben, wie die Pflegedokumentation hinzu. Arbeitszeit, die so genutzt werden muss, fehlt dann für die Versorgung der Patienten. Seit Jahren fordern Experten einen Abbau der ausufernden Bürokratie in der Pflege. Ein schmerzlicher Blick in die pflegerischen Alltagserschwernisse zeigt: Knapp ein Viertel der Pflegenden muss über die Hälfte der Arbeitszeit für Bürokratie aufwenden, im Mittelwert sind es 42 % der Arbeitszeit. Zwei Drittel der Befragten stellten in den letzten fünf Jahren eine deutliche Zunahme der Bürokratie fest. Eine Umfrage im Auftrag der Asklepios Kliniken eruierte: Die meisten Pflegekräfte sehen in der Verringerung der Bürokratie und mehr Zeit für die Patienten den wichtigsten Verbesserungsbedarf in ihrem Beruf. Nur jede/r Zehnte war vom Ausmaß der Bürokratie nicht frustriert. Das ergab eine bundesweite Befragung von 200 Pflegekräften, davon 100 aus Krankenhäusern und je 50 aus Pflegeheimen und ambulanter Versorgung Ende 2021 durch das Marktforschungsinstitut Schlesinger im Auftrag der Asklepios Kliniken.

Laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wenden Mitarbeiter allein in der stationären Pflege etwa 13 Prozent ihres Arbeitstages, umgerechnet also mehr als eine volle Stunde, für die Dokumentation und Aktenführung auf. Dieser Mehraufwand reduziert wiederum das zeitliche Kontingent für konkrete pflegerische Tätigkeiten.

Digitale Lösungen mit Informationen befüllen

Berufe im Bereich Gesundheit, Soziales oder Erziehung – sogenannte Care-Berufe – sind im Zuge der Corona-Pandemie besonders in den Fokus geraten. Von den 954 000 Pflege- und Betreuungskräften, die im Jahr 2019 in Pflegeheimen oder ambulanten Pflege- und Betreuungsdiensten tätig waren, arbeiteten 616 000 in Teilzeit. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, entspricht das einem Anteil von 65 %. Teilzeitquote in der Gesamtwirtschaft bei knapp 30 % Betrachtet man die Teilzeitquoten der Erwerbstätigen insgesamt, ergibt sich ein anderes Bild: Nach Ergebnissen des Mikrozensus lag die Teilzeitquote über alle Wirtschaftsbereiche hinweg im Jahr 2019 bei 29 %. Bei Frauen betrug sie 48 %, bei Männern 12 %.

Seit Jahren spitzt sich die Situation in Deutschland zu. In der ambulanten sowie der stationären Pflege steigt von Jahr zu Jahr der Bedarf an ausgebildeten Pflegekräften. Auch das Alter spielt bei der Belastung im Beruf eine Rolle. Die Altersgruppe der 50- bis unter 60-Jährigen stellten mit 28 % den größten Anteil des Pflegepersonals in Heimen und ambulanten Diensten. Mehr als jede zehnte Altenpflegekraft (11 %) war zudem 60 Jahre und älter, nur 2 % des Personals war zuletzt jünger als 20 Jahre.

Große Hoffnung liegt auf dem technischen Fortschritt. Investitionen in Digitalisierung unterstützen nicht nur, sondern bieten ein besonders hohes Potential zur Entlastung der Pflegekräfte in Pflegeeinrichtungen. Beispielsweise in den Bereichen der Dienst- und Tourenplanung sowie der Dokumentation und Abrechnung von Pflegeleistungen können durch den Einsatz von flexibel anpassbaren IT-Lösungen viele Tätigkeiten im mobilen und stationären Pflege- und Assistenzalltag unterstützt werden. Die Digitalisierung in der Pflege, der Assistenz und Teilhabeunterstützung trägt dazu bei, das Personal zu entlasten und mehr Aktions- und Unterstützungspotential zu ermöglichen. Die Arbeitsabläufe lassen sich so vereinfachen und beschleunigen, so dass die Bürokratie wieder weniger Zeit beansprucht. Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz unterstützt dabei finanziell die Anschaffung von entsprechender digitaler und technischer Ausrüstung.

So sieht der Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e.V. in der digitalen Pflegedokumentation erhebliche Potenziale zur Zeitersparnis. Wirklich funktionierende Systeme zu finanzierbaren Konditionen gibt es bislang jedoch nur in geringem Maß. In letzter Konsequenz müssen jedoch auch digitale Lösungen durch das Pflegepersonal mit Informationen befüllt werden. Wirklich große Zeiteinsparungen lassen sich also nur realisieren, wenn Daten bereits automatisch in die Dokumentation übertragen werden.

In den vergangenen Jahren ist die Digitalisierung zu einem wesentlichen Schlüssel für den Abbau von Bürokratie und zugleich für die Leistungsfähigkeit der staatlichen Verwaltung geworden. Dennoch verläuft die dafür notwendige Digitalisierung der wichtigsten Verwaltungsdienstleistungen immer noch zu schleppend. Das musste der Nationale Normenkontrollrat (NKR) in seinem Jahresbericht 2021 mit dem Titel „Zukunftsfester Staat – weniger Bürokratie, praxistaugliche Gesetze und leistungsfähige Verwaltung“ eingestehen. „Für eine moderne Verwaltung ist die Digitalisierung sicher eine notwendige, aber eben noch keine hinreichende Bedingung: An Leistungsfähigkeit und Innovationskraft der Verwaltung bestehen Zweifel – und dies nicht erst seit der Corona-Krise.“

Weil Schreibtischtäter das so wollen

Die Zeit, die eine Pflegekraft mit administrativen und bürokratischen Aufgaben verbringt, muss mit Hilfe der IT auf ein Minimum reduziert werden. „Denn Bürokratie dient nur der Kompensation von Inkompetenz und Disziplinmangel“, ist polemisch aus der Branche zu hören. Kurzfristig wird ein stärkerer Abbau der Bürokratie vermutlich nicht gelingen. Besonders im Hinblick darauf, dass auch heute noch nicht alle Einrichtungen die vereinfachte Dokumentation nutzen, ist ohne politischen Druck nicht mit zeitnahen Veränderungen zu rechnen. Wie bitter ist doch die Erkenntnis bei Caritas, wenn es heißt: „Wir erstellen Standards und erschlagen unsere Mitarbeiter(innen) mit Papier, weil Schreibtischtäter das so wollen, die noch kein Altenheim von innen gesehen haben. Wir regulieren alles bis ins Kleinste. Wir stehen kurz davor zu resignieren und uns kampflos den Bürokraten zu ergeben. Aber wahrscheinlich werden wir dann doch weiterkämpfen, denn wir glauben an unsere Mitarbeiter(innen) und deren Sozial- und Pflegekompetenz.“

Um Leistungserbringer von bürokratischen Lasten und Personalengpässen zu befreien, gehört wenig Phantasie dazu. „Ein Bürokratie-Lockdown würde nicht nur in den Kliniken, sondern auch beim Medizinischen Dienst wertvolle Personalressourcen freimachen, die zur Pandemiebekämpfung dringend an anderer Stelle gebraucht werden“ erklärte Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft Gaß. Doch um bislang Personalengpässe abfangen zu können, muss weiterhin Hilfspersonal organisiert werden. „Dazu fordern wir die Länder auf, die Koordination zu übernehmen. Es kann und darf nicht sein, dass jedes einzelne Krankenhaus selber organisieren muss, wo mögliches Personal akquiriert werden kann. Die Länder müssen Koordinierungsstellen einrichten, um sicherzustellen, dass die Hilfe wirklich da ankommt, wo sie auch dringend von Nöten ist.“

 

Foto: Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG): „Ein Bürokratie-Lockdown würde nicht nur in den Kliniken, sondern auch beim Medizinischen Dienst wertvolle Personalressourcen freimachen.“

 

Von Wolf-Dietrich Lorenz, Krankenhaus IT-Journal


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