Synergien von Wissenschaft und Praxis für Gesundheits-Innovationen

Interview

Veröffentlicht 08.01.2021 08:20

Interview mit dem Präsidenten der GMDS e.V., Herrn Prof. Dr. Alfred Winter, und Herrn Horst-Dieter Beha, Vorstandsvorsitzender des KH-IT e.V., zur jüngst beschlossenen Kooperation zwischen beiden Verbänden. Das Interview führte Helmut Schlegel, Kooperationsbeauftragter Bundesverband der Krankenhaus IT-Leiterinnen/Leiter KH-IT.

Herr Prof. Winter ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. und stellvertretender Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie (IMISE) an der Universität in Leipzig. Horst-Dieter Beha ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Deutschen Krankenhaus ITLeiterinnen/Leiter e.V. und IT-Leiter am Klinikum Konstanz. Die GMDS ist eine wissenschaftlich orientierte Fachgesellschaft, die ihre Schwerpunkte eher in der Lehre und Forschung sieht. Der KH-IT versteht sich als berufsständische Vertretung von IT-Führungskräften im Krankenhaus und ist daher eher auf der pragmatischen und praktischen Ebene zu finden.

Helmut Schlegel: Was hat denn Ihren neuen Kooperationspartner so interessant gemacht, dass Sie sich für eine formelle Kooperation entschieden haben?

Prof. Alfred Winter: Unser Motto lautet „Gemeinsam für Gesundheit forschen“. Es geht uns also nicht um die Forschung und die Wissenschaft an sich, sondern um einen wissenschaftlich fundierten Beitrag zur Gesundheit aller Menschen. Forschung und Wissenschaftkommt dann nicht bei den Menschen an und bewirkt auch keine Gesundheit, wenn sieauf Institute und Forschungslabore beschränkt bleibt. Wir brauchen die Translation in die Medizinische Versorgung. Medizinische Informatikerinnen und Informatiker in der GMDS sehen ihre Aufgabe darin, für aktuelle Probleme der Praxis neue und bessere Lösungen zu entwickeln. Sie müssen und wollen ihre theoretischen Überlegungen und Forschungsergebnisse in der Praxis der Versorgung anwenden und im praktischen Einsatz evaluieren. Für diese bidirektionale Translation reicht die Zusammenarbeit mit den Universitätsklinika nicht aus. Der KH-IT ist für die GMDS der natürliche Partner, auf dem Gebiet der Medizinischen Informatik auch mit den ‚normalen‘ Krankenhäusern zusammenzuarbeiten. Wir freuen uns, dieser Partnerschaft – die ja de facto zwischen den Mitgliedern schon lange gelebt wird – nun auch einen formalen Rahmen geben zu können.

Prof. Dr Alfred Winter, GMDS

Prof. Dr. Alfred Winter, Leipzig, Präsident, Deutsche Gesellschaft
für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) e.V.

Horst-Dieter Beha: Die Diskussion über eine formelle Kooperation wurde in der Vorstandsspitze des KH-IT schon über viele Jahre geführt. Eigentlich kenne ich sie seit 2003, als ich selbst in den Vorstand eingetreten bin. Immer scheiterte das Fortkommen des Vorhabens an dem berühmten unsichtbaren Graben, der oft die Wissenschaft von den Praktikern trennt. Die Mehrheitsmeinung war, dass sich die Themen und Zielsetzungen beider Verbände doch zu sehr unterscheiden würden, um eine enge Zusammenarbeit begründen zu können. Wissenschaft ohne die Praxis ist aber letztlich brotlos und umgekehrt muss es gerade darum gehen, Ansätze aus der Forschung in die Praxis umzusetzen und der Wissenschaft Impulse aus dem Alltag in den Krankenhäusern zu geben. Wir haben uns deswegen nun dazu entschlossen, diesen gemeinsamen Weg künftig zu gehen und damit auch vermeintliche Gräben zu übersteigen.

Helmut Schlegel: Welchen konkreten und darstellbaren Nutzen oder Mehrwert können Ihre Mitglieder aus der vereinbarten Kooperation gewinnen?

Horst-Dieter Beha: Einige wichtige Themen sind im Vorfeld der Kooperation bereits konkret benannt worden. Um die Schwelle zwischen Forschung und Praxis abzubauen, kann ein vermehrter Austausch von Referentinnen und Referenten auf den Tagungen beider Organisationen beitragen. Bei allen Praxislösungen und dem berühmten Handeln nach Bauchgefühl tut manchmal auch ein Blick auf die theoretischen Grundlagen gut, um den eigenen und den Standort der Praxis zu bestimmen. Umgekehrt kann ein Vortrag bei der GMDS aus der Praxis aufzeigen, was   von den Ideen und zunächst abstrakten Konzepten konkret umgesetzt werden kann und wird. Ähnliches gilt für die gegenseitige Mitarbeit in Arbeitsgruppen und bei Workshops, ohne sich dort fremd fühlen zu müssen. Das kann bis hin zu gemeinsamen Projektgruppen führen.  Praxisorientierte Praktika (das sagt je eigentlich schon der Name)  in den Krankenhäusern, Hilfestellung bei Umfragen zu aktuellen wissenschaftlichen Themen und die gegenseitige Nutzung von Expertisen können die Zusammenarbeit voranbringen.

Prof. Alfred Winter: Herr Beha hat bereits die inhaltliche Zusammenarbeit bei unseren Tagungen und Kongressen z.B. durch gemeinsame Workshops und auch durch Vorträge angesprochen. Der Kooperationsvertrag wird dies in Zukunft schon alleine dadurch erleichtern, dass vorher nicht mehr lange überlegt werden muss, ob denn die Spitze des jeweils anderen Verbandes einen gemeinsamen Workshop haben will oder nicht. Herr Beha und ich haben es jetzt für unsere Verbände unterschrieben: wir wollen es!

Ich möchte auch nicht verhehlen, dass sich die GMDS von dieser Kooperation verspricht, dass ihre Jahrestagungen für Krankenhaus IT-Leiterinnen und IT-Leiter attraktiver werden. Wir hoffen sehr auf eine Intensivierung des Dialogs und schaffen so unseren Mitgliedern, und dazu gehören auch die Studierenden, mehr Möglichkeit zur Kooperation mit Praxispartnern.

Helmut Schlegel: Nun die thematische Folgefrage: Wo sehen Sie persönlich erschließbare Synergien oder Innovationspotentiale für die der medizinischen Informatik und/oder für die IT im Krankenhaus?

Prof. Alfred Winter: Entscheidend ist, dass Innovation bei den Menschen ankommt. Einer chronisch Kranken, die zwischen Hausarzt, Fachärztin, Krankenhaus und häuslicher Pflege hin und her wandern muss, ist die IT im Krankenhaus ziemlich egal. Ihr ist wichtig, dass bei der Einlieferung im Krankenhaus alle wichtigen Informationen zu ihrer Erkrankung dort vorhanden sind und sie nicht Gefahr läuft, die Weitergabe wichtiger Informationen zu vergessen. Wenn sie wieder zu Hause ist, muss auch der betreuende Ehemann sofort wissen, welche Pflegemaßnahmen und welche Therapie nun erfolgen müssen. Für uns Fachleute ist dabei klar, dass die IT im Krankenhaus hier eine wichtige Schlüsselfunktion hat. Sie darf nicht zum Silo werden, sondern muss sich mit der IT bei den niedergelassenen Ärzten und in der Wohnung der Patienten vernetzen. Das können wir nur gemeinsam schaffen.

Horst-Dieter Beha: Praktisch von Beginn der Tätigkeit des KH-IT an, also seit fast 25 Jahren, haben wir in der Person Prof. Martin Staemmler von der Hochschule, früher Fachhochschule, Stralsund einen wissenschaftlichen Beirat im KH-IT. Seit  über 10 Jahren ist außerdem Frau Prof. Anke Simon von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW)als betriebswirtschaftliche Beirätin beim KH-IT tätig. Beide Hochschularten haben sich per se schon die Verzahnung von Forschung, Lehre und Praxis auf die Fahnen geschrieben.In inzwischen unzähligen Vorträgen, Seminaren, Webinaren, Diskussionsrunden, der Leitung von Arbeitsgruppen und informalen Gesprächen konnten wir auf deren Mitarbeit zählen und somit immer wieder die notwendige enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis unter Beweis stellen. Mit der neuen Kooperation kann dies auf einer noch viel breiteren Basis erfolgen. Gerade Fragen der Standardisierung, insbesondere von Schnittstellen, der Aufbau von bundesweiten Gesundheitsnetzwerken und die Verbesserung von IT-Prozessen, letzteres ein Schwerpunkt der Forschungsarbeit von Frau Prof. Simon aus Sicht der Anwender in Medizin und  Pflege,bringen die Praxis wesentlich voran. Mit knappen Geldmitteln und Personalausstattungen in den Häusern sind Prozessverbesserungen zwingend. Diese kommen letztlich aus der Grundlagenforschung und müssen in konkreten Richtlinien und in vereinheitlichten Verfahren umgesetzt werden.

Horst-Dieter Beha, KHIT

Horst-Dieter Beha, Vorsitzender, Bundesverband der
Krankenhaus IT-Leiterinnen/Leiter KH-IT

Helmut Schlegel: Über einen Zeithorizont von ungefähr einem Jahr - wo erwarten Sie die ersten sichtbaren QuickWins aus der frisch angelaufenen Kooperation?

Horst-Dieter Beha: Wir alle hoffen auf ein baldiges Ende der Covid-19-Pandemie. Ohne diese wären bereits jetzt gegenseitige Vorträge bei Veranstaltungen der beteiligten Verbände erfolgt. Dies wird kommen, sobald die Rahmenbedingungen es erlauben werden. Der fachliche Austausch ist bereits im Gange, konkret in der Zusammenarbeit zum Aufbau und der Weiterentwicklung von Studiengängen in der Medizininformatik. 

Prof. Alfred Winter: Gerade im Hinblick auf den Aufbau von bundesweiten Gesundheitsnetzwerken haben Herr Beha und ich die Latte, über die wir gemeinsam springen müssen, ziemlich hoch gelegt. Wir haben ja in den letzten Jahren bei der Entwicklung der Telematik-Infrastruktur gesehen, wie mühsam die Arbeit ist. Aber vielleicht sollten wir für unsere Kooperation im ersten Jahr die Messlatte etwas tiefer legen. Die Erfolgsindikatoren könnten doch die Durchführung je eines gemeinsamen Workshops bei der GMDS-Jahrestagung 2021 in Kiel und bei einer KH-IT-Tagung sowie die Vermittlung eines ersten Praktikumsplatzes für eine/n Studierende/n der Medizinischen Informatik in einem Krankenhaus sein.

Helmut Schlegel: Was geben Sie persönlich diesem zart wachsenden Pflänzchen der Kooperation für die nächste Zeit mit auf dem Weg?

Horst-Dieter Beha:Zunächst lebt ein solches Konzept von den Initiatoren. Auf Seiten des KH-IT hat dies mit Helmut Schlegel ein Urgestein der Krankenhaus-IT und ehemaliger IT-Leiter eines der größten kommunalen Krankenhäuser Europas, dem Klinikum Nürnberg, zusammen mit Reimar Engelhardt aus dem geschäftsführenden Vorstand des KH-IT begleitet. Damit ist ein guter Start gelungen. Es wird nun darum gehen, die Initiative in die Breite zu bringen. Das wird man nicht in Monaten messen können. Mir persönlich fällt hier das Gleichnis vom Senfkorn ein. Der kleinste unter den Samen bringt die größte Pflanze und reiche Frucht. Nicht heute und morgen aber mit schnellem Wachstum und absehbar. Das wünsche ich mir persönlich für die neue Kooperation.

Prof. Alfred Winter: Pflanzen wachsen oft in unerwartete Richtungen. Und wenn wir beim biblischen Bild bleiben wollen, lässt sich bei den jungen Pflanzen das Unkraut oft kaum von der Nutzpflanze unterscheiden. Wir müssen also gerade auf der Leitungsebene unserer Verbände zu jedweder Initiative ermutigen und dann aber auch genügend Geduld aufbringen, statt vorschnell zu urteilen.

Helmut Schlegel: Vielen Dank für das Interview und lassen Sie uns gemeinsam hoffen, dass Vieles von dem Genannten eintreten wird!

Quelle: Krankenhaus-IT Journal, Dezember 2020
Foto: Adobe Stock / Coloures PIC


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