Smart Hospital Excellence Forum 2022 – Prävention als Therapie für Gesundheit, Gesellschaft und digitale Medizin

Forum

Veröffentlicht 15.06.2022 04:20, Dagmar Finlayson

Das Gesundheitswesen durchläuft einen digitalen Veränderungsprozess. Wie die Transformation in ein Smart Hospital gelingt, erörterten auf dem „Smart Hospital Excellence Forum 2022" in Frankfurt am Main renommierte Expert*innen. Zusammen mit der Frage nach der Zukunft des Gesundheitswesens stand der Diskurs zu den Themen Interoperabilität, KI und Big Data sowie Smart Ethics auf der Agenda. Das Prinzip „Prävention“ ist dabei Richtungsweiser für Gesundheit, Gesellschaft und digitale Medizin. Die Veranstaltungsreihe von Smart Bridges GmbH ging erfolgreich am 7. und 8. Juni 2022 in die zweite Runde.

von Wolf-Dietrich Lorenz

Die Medizin und damit auch die Krankenhäuser müssen sich einem mehrfachen Paradigmenwechsel stellen: Die demographische Entwicklung in vielen Industrieländern, eine zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens sowie damit verbundene Herausforderungen wie etwa der Pflegenotstand machen innovative und mutige Denkansätze erforderlich, um auch künftig eine patientenorientierte, für alle zugängliche medizinische Versorgung zu gewährleisten. Veranstaltungsleiter und Moderator Prof. Dr. David Matusiewicz gab die Richtung für das Smart Hospital vor: „Das zentrale Instrument dazu ist die Digitalisierung. Dazu gehören organisationelle, personelle und finanzielle Rahmenbedingungen.“ (Hören Sie das Interview mit Prof. Matusiewicz.)

Prof. Dr. David Matusiewicz, Professor für Medizinmanagement, Direktor des Forschungsinstituts für Gesundheit & Soziales, FOM Hochschule & Founder Digital Health Academy: Von der Klinik zum Smart Hospital

Inga Bergen, Gründerin, Visionäre der Gesundheit, betonte: „Digitalisierung ist ein kultureller Wandel, um diesen Wandel erfolgreich zu meistern brauchen wir neues Denken und neue Führungsmodelle.“ Das Gesundheitswesen und mit ihm die Krankenhäuser befinden sich innerhalb eines gigantischen Lernprozesses, denn damit die neuen digitalen Möglichkeiten ihr Potential entfalten können, braucht es auch neue Prozesse, Fähigkeiten und Gestaltungswillen. (Hören Sie das Interview mit Inga Bergen.)

Inga Bergen, Gründerin, Visionäre der Gesundheit: Weichenstellung für eine erfolgreiche Zukunft: Krankenhaus im digitalen Wandel

Prävention als Heilung?

Vorsorge ist besser als Nachsorge. Das Motto lautet: „Life long prevention“. Pointiert konturierte Prof. Dr. Stefan Heinemann: „Prävention ist die höchste Form der Solidarität.“ Menschen tun gut daran, Gefahren rechtzeitig zu bedenken. Muster zu durchbrechen und sich anders zu verhalten. Der Experte in Ethik der digitalen Medizin und Gesundheitswirtschaft, FOM Hochschule/Universitätsmedizin Essen, meinte zu den Teilnehmern des „Smart Hospital Excellence Forum 2022 realistisch: „Konzepte aus veränderter Wertschöpfung und zugleich Einschränkungen und Verzicht sind nicht einfach. Vorbeugen, nach vorn denken, beim Schutz der Umwelt, auch bei der eigenen Gesundheit - zunächst bedarf es dazu Mut zur Utopie“. Die Zukunft von Gesundheit und dem Ökosystem Krankenhaus endet nicht an den eigenen Grenzen. Damit wird „Change“ zur Chefsache nicht nur für traditionelle geprägte Organisationen. Stefan Heinemanns realistisch geprägter Impuls: „Erfolg hat drei Buchstaben: TUN“.

Prof. Dr. Stefan Heinemann, Ethik der digitalen Medizin und Gesundheitswirtschaft, FOM Hochschule/Universitätsmedizin Essen: Prävention als Heilung? – Gesundheit, Gesellschaft und digitale Medizin (online zugeschaltet)

Interoperabilität für digitale Lösungen

Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin Core Facility Digitale Medizin und Interoperabilität, Charité - Universitätsmedizin Berlin, stellte in ihrer Keynote für eine smarte Healthcare heraus: „Interoperabilität ist das wichtigste Thema in der Digitalisierung, denn nur mit der Kommunikation von Mensch und Maschine sind die Digitalisierungsziele der Politik und der Anwender und Patienten umzusetzen.“ Prozessverbesserungen durch digitale Lösungen ist ein Themenfeld beim InteropCouncil des BMG zur Koordinierung aller bundesweiten Aktivitäten mit Sylvia Thun als Leiterin. Prozessverbesserungen können entstehen durch: sinnvolle Software anschaffen, Anforderungskatalog nur für Schnittstellen unter Zuhilfenahme des DigitalRadars, Prozesse dokumentieren und implementieren, Prozesse hinterfragen und verbessern sowie einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess mit der Software und den neuen Prozessen durchführen. Das Krankenhauszukunftsgesetz KHZG und das Konsortium „DigitalRadar“  fokussiert das Themengebiet in vielen Bereichen. (Hören Sie das Interview mit Prof. Thun.)

Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin Core Facility Digitale Medizin und Interoperabilität, Charité - Universitätsmedizin Berlin: Interoperabilität im DigitalRadar mit möglichen Prozessverbesserungen durch digitale Lösungen

 

Abb: Patientenmonitoring im Smart Hospital

Ärzte als Taktgeber bei der Digitalisierung

Bahnbrechende Entwicklungen verändern das Selbstverständnis von Arzt und Patient. PD Dr. med. Dominik Pförringer, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, akademischer Direktor des TUM Venture Lab Healthcare  am Klinikum rechts der Isar, engagierte sich in seinem Vortrag „Ärzte als Taktgeber der Digitalisierung“ für einen intensivierten Dialog zwischen IT und Medizinern. In der interdisziplinären Kommunikation und Kooperation sieht er die größten Chancen für die technische Innovation im Krankenhaus. „Besonders wichtig für den Erfolg technischer Innovation ist es, Teams aus Ingenieuren, ITlern und Ökonomen in Zusammenarbeit und stetigen Austausch mit Medizinern zu bringen.“ Dominik Pförringer sieht großen Aufholbedarf bei Basisthemen wie solider IT Infrastruktur und vor allem in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten auf digitalen Themen. Digitale Aspekte fehlen im Medizinstudium völlig und das behindert eine rasche Integration und den Einsatz innovativer Methoden. Dominik Pförringer: „Die Ärzte wissen schlicht nicht, was möglich ist und was sie dürfen – woher auch.“

Die Akzeptanz von Technologien wie Robotik und künstlicher Intelligenz fußt auf Verständnis und hat etwas mit der Grundhaltung zu tun. „Die Technologie ist ein geduldiger Co-Pilot, ein Kollege, der nie müde wird, und der in keiner Gewerkschaft ist, geschweige denn Ruhepausen oder gar Urlaub braucht“, pointierte Dominik Pförringer. „Der intelligente Arzt nutzt alle Aspekte der Digitalisierung, um sich innovativer Methoden zu bedienen und seine eigenen medizinischen Fähigkeiten zu amplifizieren.“ Was in der Urologie in Form des Operationsroboters DaVinci bereits Gang und Gebe ist, wird sich in weite Teile der Medizin ausbreiten: der Patient wird vom Arzt verlangen, alle technischen Möglichkeiten zur präzisen Therapie einzusetzen. In Zukunft wird der Patient fordern, dass seine Bilddaten neben dem menschlichen Auge zusätzlich von künstlicher Intelligenz analysiert werden, um Fehler zu reduzieren und Behandlungssicherheit zu steigern. Der Arzt Pförringer gehört zu den Taktgebern: „Die Zukunft ist jetzt und der moderne Arzt weiß sie zu nutzen, zu entwickeln und zum Wohle seiner Patienten einzusetzen.“ (Hören Sie das Interview mit Dr. Pförringer.)

PD Dr. med. Dominik Pförringer, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, akademischer Direktor des TUM Venture Lab Healthcare  am Klinikum rechts der Isar, Founder #MKHLTHDGTL: Ärzte als Taktgeber bei der Digitalisierung

Digital Health Technologien nachhaltig implementieren bringt Herausforderungen und verlangt Lösungsansätze. Bei der Auswahl der Technologie sollte der klinische Nutzen, der Patient-Outcome und der Erfahrungswert verbessert werden, die Kosten stehen im Blick ebenso wie die verringerte Arbeitsbelastung, nicht zuletzt die Integrierbarkeit der Technologie in das Setting. Diese Kriterien benennt Lina Mosch, Ärztin in Weiterbildung, Klinik für Anästhesiologie m.S. operative Intensivmedizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin, als wichtig. (Hören Sie das Interview mit Lina Mosch.)

Lina Mosch, Ärztin in Weiterbildung, Klinik für Anästhesiologie m.S. operative Intensivmedizin, wissenschaftliche Mitarbeiterin Charité - Universitätsmedizin Berlin: Digital Health Technologien nachhaltig implementieren - Herausforderungen und Lösungsansätze

Abb: Was Technologie bringen sollte

Digital Health – Eine Reise in die Zukunft

Erwin Böttinger ist Professor für Digital Health und Personalisierte Medizin an der gemeinsamen Digital Engineering Fakultät des Hasso-Plattner-Instituts und der Universität Potsdam und Professor für Medizin und Systems Pharmacology an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai. Auf dem Smart Hospital Excellence Forum 2022 pointierte er: „Wir brauchen keine digitalen Spielzeuge, sondern ein verbessertes Outcome für Patienten.“ Digitale Transformation, Telemedizin, Künstliche Intelligenz und Robotik revolutionieren Medizin und Gesundheitswesen. Big Data, Personalisierung und Präzisionsmedizin ermöglichen spektakuläre Fortschritte in der Therapie von Krebs und chronischen Krankheiten. Durch die Digitalisierung entstehen über alle Organisationen hinweg neue Berufsbilder und Aufgaben. Dabei geht es beispielsweise um Digitale Lernkompetenz, Data Literacy oder um Exponentielles Denken. Sie prägen häufig bereits die Berufsprofile im Smart Hospital. Nicht zuletzt sei wichtig: „Der Shift zur Prävention bei Gesundheit und Medizin.“ Dies sei wiederum nur mithilfe von Digitalisierung möglich. (Hören Sie das Interview mit Prof. Böttinger.)

Prof. Dr. Erwin Böttinger, Head of Digital Health Center, Hasso Plattner Institut & Professor, Digital Engineering Fakultät, Universität Potsdam: Digital Health – Eine Reise in die Zukunft

 

Abb: Digitale Medizin – Herausforderungen für das Krankenhaus

Hospital Excellence Forum als Premiumveranstaltung

Beim „Smart Hospital Excellence Forum 2022“ vermittelten visionäre Denker und erfahrene Praktiker Verantwortlichen aus Krankenhäusern, Krankenkassen und Pflegeeinrichtungen Impulse und Lösungen zur Digitalisierung des Gesundheitssystems und ihrer Einrichtungen. Zu den praxisrelevanten Chancen der digitalen Gesundheit resümierte Veranstaltungsleiter Prof. Dr. David Matusiewicz: „Im Mittelpunkt stehen Patientin und Patient während des ambulanten oder stationären Aufenthaltes.“ Der Gesundheitsökonom weiter: „Die Summe dieser Eindrücke und Erlebnisse – Wahrnehmung z.B. der Infrastruktur, der Abläufe, der Mitarbeitenden – prägen das persönliche „Erlebnis“. Dieses Erleben macht letztendlich die Zufriedenheit mit der Behandlung und die Bewertung der Klinik aus.“

Das nächste „Hospital Excellence Forum“ als Premiumveranstaltung für die Hauptverantwortlichen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen im deutschsprachigen Raum des unabhängigen Veranstalters Smart Bridges findet am 10. und 11.Oktober 2022 in Frankfurt am Main statt.

https://smarthospital-excellenceforum.com

 


Prävention

Prävention ist im Gesundheitswesen ein Oberbegriff für zielgerichtete Maßnahmen und Aktivitäten, um Krankheiten oder gesundheitliche Schädigungen zu vermeiden, das Risiko der Erkrankung zu verringern oder ihr Auftreten zu verzögern.  Präventive Maßnahmen lassen sich nach dem Zeitpunkt, zu dem sie eingesetzt werden, primärer, sekundärer oder tertiärer  Prävention zuordnen.


Weitere Programm-Highlights

Blick über den Tellerrand – Das Smart Hospital in Dänemark am Beispiel des Universitätskrankenhauses in Aarhus Prof. Dr. Wolfgang Deiters, Professor für Gesundheitstechnologien, Hochschule für Gesundheit Bochum & Lars Ganzhorn Knudsen, Chief Executive Consultant, Aarhus University Hospital, Denmark

Highway To Hell Or Future – Ein Blick auf die Zukunft des Gesundheitssektors Nick Sohnemann, Founder & Managing Director, Future Candy GmbH

Digitalisierung im Entlassmanagement Maximilian Greschke, Founder & CEO, RECARE Deutschland GmbH

Smarte Logistik im Gesundheitswesen Christian Ruff, Co-Founder & CEO, QraGo GmbH

DSGVO konformer Umgang mit sensiblen Gesundheits- und personenbezogenen Daten in der Klinik Volker Gertler, General Business Manager, 3M Deutschland GmbH

Vertrauenswürdige KI in der Medizin: Fallbeispiel aus der Radiologie Jona Böddinghaus, Geschäftsführer, Gradient Zero Deutschland GmbH

Green Washing-Nachhaltigkeit in der textilen Vollversorgung Stephan Richtzenhain, Geschäftsführer, SITEX-Textile Dienstleistungen Simeonsbetriebe GmbH

Digitale Lösungen anhand des Beispiels der COVID-Impfung Ioannis Goudakos, Director of Deployment and Partnerships, Doctolib GmbH


Startbild: Diskussionsrunde „Impulse für die digitale Transformation zum Smart Hospital“ (vlnr): Inga Bergen, Lina Mosch, David Matusiewicz, Wolf-Dietrich Lorenz

(wdl)

 


Lesen Sie mehr zum Thema "Veranstaltungen"

Lesen Sie hier die neuesten Beiträge