SAP-Healthcare-Strategie nicht mehr nachvollziehbar

DSAG

Veröffentlicht 03.03.2023 09:30, Kim Wehrs

Im Oktober 2022 hat SAP im Rahmen des Jahreskongresses der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe eV. (DSAG) angekündigt, selbst keinen Nachfolger für die Branchenlösung SAP Patientenmanagement (IS-H) in der S/4HANA-ERP-Welt zu entwickeln. Stattdessen wollte SAP zeitnah Optionen für das modulare Krankenhaus-IT-System bieten. Anbieter von Krankenhausinformationssystemen sollten ab dem Jahr 2023 zusätzliche Industriestandards unterstützende Schnittstellen sowie generell die SAP Business Technology Platform (BTP) als Erweiterungsplattform zur Verfügung stellen. Doch die Realität sieht zum jetzigen Zeitpunkt anders aus.

„Auch ein knappes halbes Jahr nach der Ankündigung stehen wir in den Kliniken und Krankenhäusern vor einer ernstzunehmenden Situation. Die laufenden S/4HANA-Vor- und -Umsetzungsprojekte geraten zunehmend in vielen Häusern ins Wanken“, weiß Michael Pfeil, Sprecher des DSAG-Arbeitskreises Healthcare und hauptberuflich IT-Abteilungsleiter SAP/Betriebswirtschaftliche Applikationen beim Universitätsklinikum Bonn. Auch hätten einige Krankenhäuser und Kliniken die Einführung von S/4HANA zunächst komplett gestoppt, was fatal sei. „Es geht auf diese Weise noch mehr kostbare Zeit verloren für die vielen anstehenden Aufgaben“, erläutert Tatjana Neitz-Kluge, stellvertretende Sprecherin des DSAG-Arbeitskreises Healthcare und hauptberuflich tätig bei der Universitätsmedizin Göttingen.

Die Gründe dafür sehen die Expert:innen vor allem darin, dass es zu viele offene Fragen gibt, wie z. B.: Welche validen Transformations-Roadmaps zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Kund:innen gibt es? Sind die Bedarfe der Kund:innen belastbar abgeprüft und die Ist-Zustände in den Einrichtungen bekannt? Welche Ressourcen sind hierzu bei ernstzunehmenden Dienstleistern in diesem Bereich verfügbar? Sind die perspektivischen Lösungen investitionssicher oder ist die Laufzeit begrenzt? Wie wird mit der Lizenzierung im Sinne der Kund:innen umgegangen? Sind die Lösungen länderübergreifend, zumindest für den DACH-Raum? Ist der Zeitplan mit den Realitäten der Kund:innen abgestimmt?

 

Partner-Roadmaps nicht tragfähig

Des Weiteren sei auch aus Sicht der Krankenhäuser und Kliniken fatal, dass die SAP-Partner keine Roadmap haben, die den Bedürfnissen der Träger entspricht, um das IS-H bis zum Jahr 2030 durch ein neues Produkt abzulösen. „Darüber hinaus ist die Lizenzthematik rund um die Codeline der Branchenlösung IS-H ungeklärt“, so Christoph Wuczkowski, stellvertretender Sprecher der österreichischen DSAG-Arbeitsgruppe Gesundheitswesen, der hauptberuflich bei der Vinzenz Gruppe Krankenhausbeteiligungs- und Management GmbH tätig ist.  

 

Rolle der Business Technology Platform unklar

Mit der Ankündigung, selbst keine Nachfolgelösung für IS-H zu bieten, hat SAP im vergangenen Herbst darauf verwiesen, über die bestehenden Schnittstellen (API) hinaus weitere unterschiedliche Möglichkeiten bieten zu wollen, um Krankenhausinformationssysteme, die zukünftig die bisherigen IS-H-Funktionalitäten abbilden sollen, in das S/4HANA-Kernsystem zu integrieren. Zu diesen Optionen gehören die Foundation Services, eine Anbindung über die FHIR-Schnittstelle – in der Cloud. „Die FHIR-Schnittstelle in der SAP Business Technology Platform (BTP) wird weiterhin von SAP propagiert, aber uns als Anwender:innen ist unklar, wie wir konkret mit der Schnittstelle verfahren sollen – und vor allem wissen wir nicht, ob damit die Gesundheitsdaten in der Cloud lägen“, erläutert Christoph Wuczkowski.

 

Enorme Auswirkungen auf Transformations-Roadmaps

Zusätzlich zu den beschriebenen Herausforderungen kritisiert die DSAG, dass SAP kein abgestimmtes Vorgehen für die Kunden bereithält. „Es wird z. B. eine Shell-Conversion propagiert als neuer Weg im Healthcare-Sektor“, kritisiert Michael Pfeil. Bei einer solchen Conversion wird sozusagen ein schneller Greenfield-Ansatz verwendet und es werden bestimmte Datenmodelle und -flüsse für die Migration ausgewählt. Zwar soll diese Variante nur eine kurze Vorbereitungsphase erfordern und Flexibilität bei geringem Risiko ermöglichen, doch in die Realitäten vieler Kliniken und Krankenhäuser passt dieser Conversion-Ansatz nur bedingt. 

„Als Anwendervereinigung kritisieren wir, dass SAP sich mit der Shell-Conversion deutlich von der Greenfield-Transformations-Roadmap abwendet. Aus unserer Sicht ist somit der tatsächliche Mehrwert einer Conversion nicht mehr gegeben“, erklärt Michael Pfeil. Es handele sich um eine eindeutige Änderung der SAP-Strategie – und das, obwohl unklar sei, wer diese Szenarien überhaupt umsetzen könne. SAP begründet diesen Schritt damit, dass eine Greenfield-Conversion zu kostenintensiv sei. Aus Anwendersicht trifft das jedoch auch für eine Shell-Conversion zu. Eine Shell-Conversion beinhaltet das Side-Car-Szenario in Bezug auf IS-H – das bedeutet, dass IS-H im stillgelegten ECC-System noch bis zur Implementierung einer Ersatzlösung über die bestehende Datenbank weiter betrieben und über eine Datenreplikation die Verbindung zum S/4HANA-System sichergestellt wird. „Für die Krankenhäuser und Kliniken ist das mehrfacher Aufwand, da Alternativlösungen für die Patientenadministration und die Patientenabrechnung entwickelt und eingeführt werden müssen“, so Michael Pfeil. Im Kontext der Projekte rund um das Krankenhauszugangsgesetz (KHZG) und eine enorme Auslastung der Ressourcen sowie den engen Zeitrahmen, geht die SAP-Strategie an den Realitäten der Kund:innen vorbei.

 

Fehlende Referenzprojekte und Expertise der Dienstleister

Die DSAG kann gerade in Bezug auf IS-H den Mehrwert einer Shell-Conversion nicht erkennen. Es fehlen zudem Referenzprojekte im Gesundheitsbereich, wie auch die Expertise auf Seiten der Dienstleister. „Zudem ist unklar, was dieser Ansatz für die Lizenzmetriken der Einrichtungen bedeutet“, sagt der DSAG-Arbeitskreissprecher und ergänzt: „Diese Strategie macht das Vorhaben zunichte, Einrichtungen wieder zurück zu Standardprozessen zu bringen und dadurch Ressourcen zu schaffen.“ Stattdessen würden Entscheidungen letztendlich aufgrund von Verunsicherung noch langsamer getroffen und SAP vergibt seinen Status als valider Partner mit Best-Case-Lösungen. „Einzig und allein Technologie zu verkaufen, macht noch lange keinen guten Partner für den Healthcare- bzw. Public-Sector“, urteilt Michael Pfeil.

Wie lautet also das Fazit der DSAG zu den Entwicklungen rund um IS-H? Die herrschenden Unklarheiten haben massive Auswirkungen auf Transformations-Roadmaps und -Planungen in den Häusern. Aus Anwendersicht ist die Strategie von SAP im Healthcare-Bereich nicht nachvollziehbar und kritisch. Sie sorgt dafür, dass der bereits stark belastete Gesundheitssektor immer weiter herausgefordert wird und offenen Auges einem Kollaps entgegensteuert.


Begriffe und Bedeutungen

SAP Business Technology Platform (BTP)
Die Plattform vereint Unternehmensanwendungen mit Datenbank- und Datenmanagement-, Analyse-, Integrations- und Erweiterungsfunktionen für Cloud und Hybrid-Umgebungen, inklusive hunderter vorkonfigurierter Anwendungen für SAP und Drittanbieter. Die SAP Cloud Platform (SCP) ist einer der wichtigen Grundpfeiler der SAP Business Technology Platform (BTP). Ihre Integrations- und Erweiterungsfunktionen stehen jetzt als Services zur Verfügung, die auf SAP BTP ausgeführt werden. Diese Funktionen werden als SAP Integration Suite und SAP Extension Suite bezeichnet.

Codeline (der Branchenlösung IS-H)
Die Codeline ist im einfachsten Fall die Anzahl der Zeilen des Quelltextes, aus denen ein Programm besteht.

Foundation Services (Cloud)
Foundation Services sind die Grundlage für jede Cloud-Bereitstellung und umfassen Rechenleistung, Speicher, Netzwerk und Datenbank. Jeder Service soll eine hohe Verfügbarkeit und Skalierbarkeit bieten für eine zuverlässige Anwendung. 

Shell-Conversion
Bei der Shell-Conversion wird im ersten Schritt eine Kopie des bestehenden SAP-ECC-Systems erstellt, welches jedoch keine Stamm- und Bewegungsdaten enthält. Es ist also ein leeres System auf dem dann losgelöst vom laufenden Betrieb erste entsprechende Aktivitäten gestartet werden können.

Greenfield-Ansatz
Beim Greenfield-Ansatz handelt es sich um eine Neuimplementierung. Hierbei besteht die Möglichkeit, die bestehenden Geschäftsprozesse zu überarbeiten und sich von altem Quellcode oder nicht mehr benötigten Schnittstellen zu trennen.

Side-Car-Szenario (in Bezug auf IS-H)
IS-H wird im stillgelegten ECC-System noch bis zur Implementierung einer Ersatzlösung über die bestehende Datenbank weiter betrieben. Die Verbindung zum S/4HANA-System wird über eine Datenreplikation sichergestellt.

Lizenzmetriken
Sie dienen der Berechnung der Lizenzgebühren und besagen, in welchem Umfang Kund:innen die Software nutzen können. Es wird abgerechnet pro User, pro Named User, per Configuration Items, per Dateien, die verarbeitet werden, per CPU etc.



 

Michael Pfeil, Sprecher des DSAG-Arbeitskreises Healthcare und hauptberuflich IT-Abteilungsleiter SAP/Betriebswirtschaftliche Applikationen beim Universitätsklinikum Bonn


 


Tatjana Neitz-Kluge, stellvertretende Sprecherin des DSAG-Arbeitskreises Healthcare und hauptberuflich tätig bei der Universitätsmedizin Göttingen

 

Autor: Wolf-Dietrich Lorenz


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