Psychotherapie mit WhatsApp

Therapie

Veröffentlicht 19.03.2024 07:00, Dagmar Finlayson

Eine Sprachwissenschaftlerin der Universität Trier hilft, die Wirkung einer speziellen Form der Gruppentherapie besser zu verstehen.

Warum hat sie dieses seltsame Emoji in ihrer WhatsApp an mich verwendet? Warum schreibt er in seiner Mail so unfreundlich? Nachrichten, bei denen man nicht so recht weiß, wie man sie einordnen soll, kennt wahrscheinlich jeder. Die richtige Reaktion darauf zu finden, ist oft schwer. In einer besonderen Gruppentherapie formulieren Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen gemeinsam eine Antwort auf solche Nachrichten. Diese innovative Art der Gruppentherapie gibt es seit wenigen Jahren.

Gemeinsam mit Psychologinnen und Psychologen hat die Sprachwissenschaftlerin JProf. Dr. Susanne Kabatnik die Gespräche innerhalb der Gruppentherapie linguistisch untersucht.



Bildquelle: Universität Trier

Mit ihrer Analyse unterstützt die Juniorprofessorin für Digital Humanities der Universität Trier die psychologische Forschung dabei, Erkenntnisse über die Wirkungsweise von psychotherapeutischen Gesprächen zu gewinnen. Anders gesagt, geht es darum besser zu verstehen, wie Worte in der Psychotherapie wirken. Die Forschungsergebnisse von Susanne Kabatnik sind kürzlich in der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychology“ erschienen.

„Sprache ist in der Psychotherapie wie ein Medikament. Durch Gespräche werden Veränderungen in den Ansichten und Denkweisen der Patientinnen und Patienten angestoßen“, erklärt Susanne Kabatnik den Zusammenhang der Sprachwissenschaften mit dem ursprünglich psychologischen Forschungsgebiet.

Die Untersuchung der Trierer Sprachwissenschaftlerin beruht auf fast 15 Stunden Videomaterial, das bei Gruppentherapie-Sitzungen mit depressiven Patientinnen und Patienten in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München aufgenommen wurde. Für ihre Analyse der Gespräche hat sie diese äußerst präzise verschriftlicht. „Es kommt hier wirklich auf Details an: Jedes schwere Zwischenatmen, jede Pause und auch das Nicht-Gesagte können eine Bedeutung haben“, beschreibt Kabatnik die Sisyphusarbeit der Transkription.

Doch wie kann man sich den Ablauf einer solchen Gruppentherapie vorstellen? In jeder Sitzung bringt ein Teilnehmender eine Nachricht oder einen Chat mit, der die Person verunsichert oder gekränkt hat. Beispielsweise erhielt eine Patientin eine Mail von einem Professor, in der er sie gleichgültig mit „Liebe WieAuchImmer“ angeschrieben hat. Nach dem Vorlesen der Nachricht erfolgt eine Positionierung: Die Teilnehmenden bewerten die Nachricht und das schlechte Verhalten des Professors und stellen sich hinter die Empfängerin der Nachricht. Unter Moderation der gruppenleitenden Psychotherapeutin

formulieren die Teilnehmenden eine Antwort auf die Mail. Eine Patientin beschreibt das Verhalten des Professors als ekelig und argumentiert, dass man sich bei der Wahl der Antwortformulierungen nicht auf sein Niveau herabbegeben dürfe. Durch das gemeinsame Diskutieren und Formulieren wird die Situation nachgespielt und aufgearbeitet. Im Laufe der Gruppentherapie-Sitzung wird so nicht nur neues Wissen generiert, sondern es verändert sich auch die Haltung zu dem Problem – der Konflikt erscheint nicht mehr so schwierig und ausweglos wie zu Beginn.

„Für mich als Sprachwissenschaftlerin ist es interessant, wie sich die Teilnehmenden ausdrücken. An der verwendeten Sprache kann man zeigen, wie Veränderungsprozesse bei den Patientinnen und Patienten im Laufe der Sitzung angestoßen werden“, sagt Susanne Kabatnik.

Dieses sprachwissenschaftliche Forschungsfeld lässt die Professorin auch in ihre Lehrveranstaltungen einfließen. Studierende des Bachelors „Sprache, Technologie und Medien“, der Germanistik oder der Digital Humanities an der Universität Trier können in dem Themenfeld auch ihre Abschlussarbeit schreiben. „Viele haben gar nicht auf dem Schirm, dass sich Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler auch mit solchen Themen beschäftigen“, weiß die Trierer Juniorprofessorin.     

Quelle: Universität Trier

Symbolbild: Mika Baumeister (Unsplash)


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