Health IT Talk Berlin Brandenburg: Medizininformatik-Initiative auf dem Weg in die Routineversorgung

Veröffentlicht 15.04.2026 11:30, Kerstin Müller

Die jüngste Veranstaltung des Health IT Talk Berlin Brandenburg widmete sich einem der zentralen Projekte der deutschen Gesundheitsdigitalisierung: der Medizininformatik-Initiative (MII). Die Veranstaltung bot einen kompakten Überblick über zehn Jahre Aufbauar-beit und zeigte, wie die MII die Brücke zwischen Versorgung und Forschung schlägt.

Seit ihrem Start hat die MII an allen Universitätskliniken Datenintegrationszentren (DIZ) etabliert. Dort werden klinische Daten aufbereitet, harmonisiert und unter strengen Datenschutzvorgaben für die Forschung nutzbar gemacht. Ein wichtiger Zugangspunkt ist das Forschungsdatenportal für Gesundheit (FDPG), das standortübergreifende Anfragen ermöglicht und den Austausch in der datengetriebenen Gesundheitsforschung wesentlich erleichtert.

Im Laufe der vergangenen Dekade entstanden mit dem MII-Kerndatensatz, den Interoperabilitätsstandards (FHIR, SNOMED CT, LOINC und ASK) sowie einem bundesweit einheitlichen Broad Consent tragfähige Grundlagen für eine vernetzte Forschungsdateninfrastruktur. Ergänzt werden sie durch zentrale Services, eine Informationsplattform für Patientinnen und Patienten und Kooperationen mit Industrie und der Gesundheitsforschungsdateninfrastruktur (GFDI).

Die 2015 noch isoliert und heterogen in vielen IT Systemen der deutschen Universitätskliniken lagernden Daten können über das Nationale Forschung Daten Portal für Gesundheit FDPG als zentralem Zugangspunkt für Machbarkeit abgefragt und abgerufen und für standortübergreifende Auswertungen datenschutzgerecht bereitgestellt werden. In den Teams der Daten Integrationszentren entstand eine Vielzahl von Werkzeugen, die es ermöglichen, Patientendaten aus ihren Primärsystemen zu extrahieren, datenschutzgerecht zu pseudonymisieren und diese sowohl für verteilte als auch zentralisierte Auswertungen bis hin zur Entwicklung von KI-Modellen zu nutzen.

Trotz beachtlicher Fortschritte bleibt der Weg in die Routineversorgung anspruchsvoll. Herausforderungen liegen vor allem in der standortübergreifenden Interoperabilität, der Sicherstellung hoher und vergleichbarer Datenqualität sowie in einem nachhaltigen Governance-Rahmen. Auch der Transfer erfolgreicher Forschungsansätze in die klinische Praxis verläuft vielerorts noch zu zögerlich.

Als Lösungsansätze wurden standardisierte FHIR-Dienste, föderierte KI-Modelle, gemeinsame Terminologieservices und konsortienübergreifende Use Cases vorgestellt. Entscheidend bleibt, Ergebnisse der Forschung technisch und organisatorisch so zu verankern, dass sie für Kliniken alltagstauglich werden. 

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Foto: Dr.rer.nat. Franziska Bathelt - Leiterin des DIZ der Medizinischen Universität Lausitz - Carl Thiem, Cottbus

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Foto: Dr.med. Sebastian Claudius Semler - Leiter der Koordinationsstelle MII, Geschäftsführer TMF e.V.

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Foto: Dr. Marie Gebhardt - Wissenschaftliche Mitarbeiterin - Data Sharing bei TMF e.V.

Use Cases und Ausblick

Die Vielfalt der MII-Use Cases zeigt das Potenzial: von der standardisierten kardiologischen Risikobewertung und EKG-Analyse über KI-gestützte Prognosen bei COPD und Asthma bis zur personalisierten Onkologie. Weitere Projekte befassen sich mit risikostratifizierter Infektionskontrolle, verbesserter Schlafapnoe-Diagnostik oder der Integration von Patient-Reported Outcomes in die Routine.

2026 markiert für die MII eine neue Phase der Verstetigung und des Ausbaus – die aktuelle Förderperiode läuft bis 2029. Beim Symposium in Berlin im März präsentierte die Initiative ihre Fortschritte und warf zugleich den Blick nach vorn: auf die Weiterentwicklung des Kerndatensatzes, die verstärkte Nutzung von Routinedaten für Forschung und Versorgung sowie die methodische Weiterqualifizierung der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Deutschland steht damit exemplarisch für den Versuch, Forschung, Versorgung und Datenschutz in einer lernenden, digital vernetzten Gesundheitslandschaft dauerhaft zu verbinden.

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Bild: Klinische Use Cases für die Gesundheitsforschung

Termine 2026

20. April: "DMEA-Satellitenveranstaltung 2026" von GMDS und BVMI
21. - 23. April: DMEA in Berlin
11. Mai: "Cybersecurity: Von NIS2 zum Red-Team Angriff" bei adesso
20. - 21. Mai: KH-IT Frühjahrstagung "KI, Robotik und Future Work" in Kassel

Health-IT-Talk Berlin-Brandenburg

Im monatlichen Health-IT-Talk Berlin-Brandenburg treffen sich Expertinnen und Experten aus medizinischer Versorgung, Industrie, Politik und Digital Health, um über die Zukunft eines vernetzten, digitalen und zugleich regional verankerten Gesundheitswesens zu sprechen. Im April 2026 war es seit Gründung im Jahr 2007 die 183. Veranstaltung. Teilnehmer tauschen sich verbands- und fachrichtungsübergreifend Branchenkollegen zur Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft aus. Unterstützt durch Non-Profit-Organisationen BVMI, TMF, KH-IT und SIBB, ist die Reihe frei von wirtschaftlichen Interessen und kostenfrei für die Teilnehmer.

Quelle: www.health-it-talk.de


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