Digitale Ideen sorgen für frischen Wind im Gesundheitswesen

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Veröffentlicht 30.06.2020 09:00

Die Corona-Krise weckt bislang nicht ausgeschöpfte Potenziale in vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung. Neue Möglichkeiten bei der Diagnose, größere Erfolge durch eine medizinische Behandlung, die auf den Patienten zugeschnitten ist, sowie eine bessere Kommunikation zwischen Arzt, Patient und anderen Akteuren des Gesundheitswesens: Die Digitalisierung beschäftigt die Branche nicht erst seit der Covid-19-Pandemie. Doch unter dem hohen Druck, die Krise zu meistern, zeigt sich ihre Innovationskraft an vielen frischen Ideen.

Bereits heute bieten neue Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) vielversprechende Möglichkeiten – etwa bei der Früherkennung von Krankheiten oder der Prognose von Krankheitsverläufen. So berichtet der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW ), dass 57 Prozent der befragten Bürger in einer Studie befürworten, Ärzte dazu zu verpflichten, KI als automatisierte Zweitmeinung in die Untersuchung einzubeziehen,
wenn Krankheiten dadurch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit erkannt werden. Der BVDW beruft sich unter anderem auf KI-gestützte Hirnscans, die spezielle Arten von Depressionen identifizieren können, sowie auf die frühzeitige Erkennung von Alzheimer mit einer Genauigkeit von 82 bis 90 Prozent. Gerade mit Blick auf Vorsorge, Therapiegestaltung und Nachsorge ließe sich dadurch die Lebensqualität vieler Menschen verbessern.

Allerdings kommt die Digitalisierung trotz dieses großen Potenzials nur langsam voran. Wie weit der Weg noch ist, zeigt eine Studie von HYPERLINK "https://www.pwc.de/de/gesundheitswesen-und-pharma/pwc-future-health-berichtsband. pdfn-und-pharma/digitalisierung-im-gesundheitswesen.html"PriceWaterhouseHYPERLINK "https://www.pwc.de/de/gesundheitswesen-und-pharma/pwc-future-health-berichtsband.
pdfn-und-pharma/digitalisierung-im-gesundheitswesen. html" Coopers (PwC). Demnach ist das deutsche Gesundheitswesen in Sachen Digitalisierung im internationalen Vergleich weit abgeschlagen. Technologien wie Telemonitoring, Video-Sprechstunden und elektronische Patientenakten würden in Deutschland kaum genutzt, während sie in anderen europäischen Ländern längst Standard sind. „Vor gut 75 Jahren, als Konrad Zuse der Welt den ersten programmierbaren Computer in Berlin präsentierte, wurden Arztbriefe, Befunde und Forschungsergebnisse noch handschriftlich auf Papier oder mit einer Schreibmaschine festgehalten.“

So leitet das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Text zum aktuellen Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen ein. Und auch im 21. Jahrhundert hat diese Aussage noch Bestand, da viele Innovationen nicht in die Praxis umgesetzt werden. Eine fatale Entwicklung, denn das deutsche Gesundheitssystem sieht sich mit zunehmenden Herausforderungen konfrontiert. Allen voran einer Bevölkerung, die immer älter wird und künftig mehr Pflege und medizinische Versorgung benötigt. Zugleich steigt der Fachkräftemangel. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft werden bis zum Jahr 2035 rund 307.000
Pflegekräfte fehlen. Ein Problem, das durch die Corona-Krise umso offensichtlicher geworden ist. Das Münchener Startup TeleClinic hat diese Herausforderungen schon vor fünf Jahren erkannt und baut seither seine Plattform auf, die Patienten per Videosprechstunde mit Ärzten verbindet. Deutschlandweit können Ressourcen, die Sprechzeit von Allgemein- und Fachärzten, mit den Bedürfnissen der Patienten verknüpft werden. Das Modell lastet nicht nur die Zeit der Ärzte besser aus, sondern schließt auch ländliche Regionen an, versorgt Gruppen mit besonders dringenden Anliegen (wie junge Eltern) und macht manchen wiederkehrenden Gang etwa für die Antibabypille überflüssig. Dass die traditionelle Vorort-Versorgung nicht notwendig die für Patientenwohl (und Ärzteschaft) beste Behandlungsform ist, dafür öffnen sich in der Krise auch weniger digital affine und innovationsfreudige Schichten. Es zeigt sich, dass die Krise das Potenzial hat, eine neue Antriebsfeder für die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu werden. Um die Pandemie einzudämmen, arbeiten verschiedenste Bereiche zusammen und schaffen kreative und neue Initiativen, die einen wichtigen Beitrag zur Lösung bereits bekannter, aber auch neuer Probleme leisten. So gibt es neben der Diagnose und Therapieforschung mittlerweile zahlreiche digitale Projekte zur Pandemie-Bekämpfung, sowohl auf globaler Ebene als auch im DACH-Raum. Während Ärzte und Pflegekräfte
sich um die optimale Versorgung der Patienten kümmern, nutzen Wissenschaftler und IT-Spezialisten moderne Werkzeuge, um in kürzester Zeit pragmatische Lösungen zu entwickeln.


Dabei spielen Cloud-Dienste eine zunehmend wichtige Rolle. Mit ihnen können die enormen Datenmengen im Gesundheitswesen kostengünstig gespeichert und verarbeitet werden. Zudem stehen schlüsselfertige Dienste für Datenanalysen sowie moderne Verfahren wie maschinelles Lernen und KI zur Verfügung. Somit liefert die Cloud eine Grundlage für die Zusammenarbeit diverser Teilnehmer des Gesundheitssystems – auch ohne tiefe technologische Expertise.

Die Vernetzung von Wissenschaftlern vorantreiben

Ein Beispiel für eine solche Zusammenarbeit ist die „Beating Covid-19 Challenge“. Sie wurde von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der Technischen Universität (TU) München und der M3i GmbH, einem Spin-Off der LMU, ins Leben gerufen. M3i hat eine Open-Source-Lösung auf Basis der Cloud von Amazon Web Services entwickelt, die es Wissenschaftlern ermöglicht, auf Bilder der CT-Scans von Covid-19-Patienten aus der ganzen Welt zuzugreifen sowie diese zu verarbeiten und zu analysieren. Auf Basis der Ergebnisse lassen sich leistungsfähige Algorithmen entwickeln, mit denen der Ausbruch der Krankheit früher erkannt wird. In diesem Kontext wird auch das Potenzial von Big Data deutlich. Ein Beispiel sind die Smartphone-Apps rund um die „Datenspende“, mit deren Hilfe sich die Ausbreitungspfade von Covid-19 besser erforschen lassen.

Patienten informieren und einbinden

Zu den akuten Herausforderungen der aktuellen Krise gehört es, auch Nicht-Corona-Patienten weiter bestmöglich zu versorgen. An diesem Punkt setzt das Angebot von Caspar Health an. Das Unternehmen hatte vor vier Jahren damit begonnen, eine interaktive Plattform zu entwickeln, über die Reha-Patienten mit zusätzlichen Informationen und multimedialen Schulungen rund um ihre Erkrankung versorgt werden. Nun hat das Unternehmen sein Angebot so verändert, dass es auch ohne physischen Kontakt mit einem Arzt oder Therapeuten funktioniert. Die Herausforderung bestand dabei vor allem darin, die Systeme so aufzusetzen, dass sie dem zusätzlichen Ansturm von rund 50.000 neuen Nutzern gewachsen waren. Die Cloud mit ihrer nahezu grenzenlosen Skalierbarkeit von Bandbreite und Rechenkapazität machte die erweiterte Nutzung des Angebots jedoch innerhalb weniger Tage möglich.

Digitale Grundlagen schaffen – auch für Post-Corona-Zeiten

Die Covid-19-Pademie stellt die Medizin wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche vor große Herausforderungen. Zugleich zeigt sie, wie viel bis dato ungenutztes Potenzial eine engere Vernetzung des Gesundheitswesens bietet. Mit modernen Entwicklungswerkzeugen, beispielsweise in der Cloud, lassen sich sehr schnell agile Projekte aufsetzen und zum Erfolg führen. Diese Möglichkeiten sollten auch nach der Krise fortgesetzt werden. Nicht nur die Vernetzung der Wissenschaftler und der Daten- und Wissensaustausch sollten ganz oben auf der Agenda stehen. Auch die Arbeit der IT-Profis, die kluge Ideen der Wissenschaftler in neue Datenmodelle überführen oder hilfreiche Apps für den Alltag von Patienten entwickeln, ist für die Nach-Corona-Ära unerlässlich. Das Gesundheitswesen könnte damit gut durch die Krise kommen und dauerhaft profitieren.

Klaus Bürg, Amazon

Autor: Klaus Bürg, General Manager für Amazon Web
Services in der DACH-Region

Quelle & Foto: Amazon Web Services


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