Standardisierung: Der Münchner Weg zum Smart Hospital

Smart

Veröffentlicht 08.06.2021 00:20, Dagmar Finlayson

Viele Kliniken stehen vor der Herausforderung, daß sie auch ohne die Vorgaben von KHZG, gematik und KBV-Standards schon in einem Wandelprozess sind und diese Standardisierung nun zusätzlich zu meistern ist. Referent Andreas Henkel begreift dieses als Chance, wie der CIO im Zusammenhang mit der IT-Strategie des Klinikums rechts der Isar der TU München beim 123. Health IT Talk Berlin Brandenburg vorstellte.

Unternehmen bereiten sich auf eine Migration ihres R/3-Systems in eine neue SAP S/4HANA-Umgebung vor. Für Gesundheitsdienstleister wie Kliniken oder Krankenhäuser wird der Wechsel zu SAPs neuer ERP-Generation zur Herausforderung. Das Universitätsklinikum der TU München setzt mit der Abkündigung des Services für den Weiterbetrieb des SAP R3 und dem anstehenden Wechsel auf SAP S/4HANA auf offene Standards. Das Support-Ende für ISH-Med ist in Sicht. Für das SAP-Modul IS-H (Industry Solution for Healthcare) hat SAP angekündigt, nach 2027 oder spätestens nach 2030 den Support für IS-H einzustellen. Gesundheitsdienstleister kommen nicht darum herum, sich mit einer wichtigen Frage zu beschäftigen: Wie kann ich mein Patientenmanagement zukünftig abbilden? Ab 2025 soll das Cerner i.s.h.med in der jetzigen Version nicht weiterbetrieben werden, so dass Vorbereitung auf einen Systemumbau laufen. Dem Klinikum rechts der Isar (MRI) geht es um die Erlangung von Daten- und Workflow-Hoheit, die mehr Freiheiten für eine Neuausrichtung liefern.

Hierbei begünstigt die Ausgangssituation, dass im Klinikum rechts der Isar für das zentrale klinische Arbeitsplatz- und ERP-System mit dem Wechsel von SAP R3 zu S/4HANA grundlegende Änderungen anstehen. Aufgrund lang gelebter dezentraler Autonomie bei der Umsetzung von Fachabteilungsanforderungen im Bestandsdokumentationssystem stehen viele Herausforderungen an. SAP sichert Neuerungen unter Nutzung des offenen Standards HL7 FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources) zu. Diese Spezifikation soll als sogenannte Adapterlösung im neuen S/4HANA die Industrieapplikation für die Abrechnungsunterstützung im Krankenhausumfeld ersetzen.

SAP S/4HANA ist eine Echtzeit-ERP-Suite, die auf der In-Memory-Plattform SAP HANA basiert. SAP S/4HANA stellt die vierte Generation der Anwendungsuite von SAP dar und ist der Nachfolger von SAP R/3. Dabei steht das „S“ im Namen für das Prinzip „Simple“, welches die Echtzeit-ERP-Suite aufgrund der verbesserten Benutzeroberfläche und des vereinfachten Datenmodells verkörpert, 4 steht für die vierte Produktgeneration.

Prozesse entlang der Patienten Journey

Die in den KHZG-Richtlinien geforderte Ausrichtung auf die digitale Einbeziehung des Patienten und Forderung nach weiterer Stärkung grundlegender digitaler Prozesse für den interoperablen Datenaustausch zwischen den beteiligten Versorgungsbereichen führen insgesamt zu einer Prozessausrichtung entlang der „Patienten Journey“ im Gesamtklinikum.

SAP R/3 lässt sich in Vollständigkeit noch nicht ablösen. IS-H-med stellt eine starke Bindung an die Infrastruktur dar. Eine heute schon nutzbare Nachfolgeperspektive besteht noch nicht.

Henkel bereitet im Umbau bestimmte Themen vor. Auf der To-do-Liste der Münchner stehen Maßnahmen wie: Ein weiteres KAS mit der Bereitstellung von Querschnittsfunktionen wird mit dem Bestandssystem i.s.h.med auf Basis von WebServices verbunden; Rückführung von Funktionserweiterungen des i.s.h.med in den Standard bei gleichzeitiger Erweiterung mit IHE ITI-Profil-Unterstützungen für den Dokumentenaustausch mit dem Archivsystem; geplante Umsetzung der IHE Mobile-Profile für den FHIR-Basierten Datenaustausch über das neu angebundene KAS mit Drittapplikation (z.B. Labordatenaustausch) sowie Anwendung von IHE-Profilen für den Datenaustausch mit dem Datenintegrationszentrum für die Datenverwendung im Rahmen der Forschung.

Weiterhin die S/4HANA-Einführung zum Jahreswechsel 2021/2020 in Anbindung des klinischen Arbeitspatzsystems cerner ish.med. Im Zuge der S/4HANA – Umstellung beschäftigt sich das MRI mit den FHIR - Patient Accounting – Funktionen, die bereits unter SAP R3 für IS-H im Vorgriff auf die neue BILLING-Applikation bereitstellt. Geprüft werden die Möglichkeiten der Anbindung von Drittapplikationen auf Basis von FHIR.


Dabei wird auf die prozessuale, syntaktische und semantische Interoperabilität gesetzt und Querschnittsfunktionen durch neue und erweiterte Bestandsanwendungen zunächst ergänzend eingeführt, um die anstehende Ablösung des SAP R3 mit vorzubereiten. Andreas Henkel stellte das iterative Vorgehen eines Best of Breed-Ansatzes vor, der auf zentrale Plattformen setzt und dem Klinikum rechts der Isar mehr Mündigkeit über seine Datenhaltung und höhere Flexibilität beim Einsatz von Spezialanwendungen liefert, aber dennoch die IT-Verfahrensvielfalt begrenzen soll.

Digitalisierungsmultiplikatoren gefragt

Die IT allein kann neue Prozesse nicht umsetzen. Wie weit ist der Stand der interdisziplinär geprägten Arbeit mit anderen Berufsgruppen? Hemmschwellen lassen sich beseitigen. „Wir brauchen Personen in den Einrichtungen, die die Prozesse mit unterstützen“, merkte Henkel an. Bei diesen Digitalisierungsmultiplikatoren ist stetige Erweiterung notwendig.

IT-Abteilungen sehen sich mit hohen Erwartungshaltungen konfrontiert: Für den IT-Betrieb wie auch die Digitalisierung sind sie unverzichtbar, und zwar nicht nur für die Umsetzung, sondern im besten Fall als Impulsgeber und Sparringspartner für die Geschäftsfelder. Damit verändern sich auch die Anforderungsprofile für die Mitarbeiter: Kenntnisse im agilen Projektmanagement, im Cloud Computing, Machine Learning, Security- und Lizenzmanagement sind gefragt. Das wiederum erfordert Zeit und Ressourcen für Weiterbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter, für Recruiting und die Einarbeitung von Nachwuchskräften. Wie sieht die Lernkurve bei personellen und strukturellen Belastungen aus? Anforderung, Profile und Kenntnisse der Mitarbeiter verändern sich. Einen entscheidenden Punkt kann Andreas Henkel angehen: Neue Anwendungen setzen neue Kenntnisse voraus. Weiterbildung ist gefragt, Wissen und Erfahrung bei Pflege, Ärzteschaft, Management, IT und Patientenvertretern müssen verankert werden. Dafür besteht im Klinikum rechts der Isar der TU München MRI ein dediziertes Schulungsteam. „Die Mehrwerte weiß ich sehr zu schätzen.“

Personal ist für Krankenhäuser nach wie vor eine brisante Frage. Fachkräfte mit Interesse an Krankenhauspositionen sind wegen bestimmter Rahmenbedigungen nicht genügend zu finden. Paradox scheint, was Bernhard Calmer, einer der bvitg-Vorstände, pointierte: Am Ende des KHZG-Förderzeitraums 2024 könnte ein Erwachen kommen für die Krankenhaus-Vorstände. Die Frage könnte lauten, wieviel des kürzlich engagieren IT-Personals, das nur für den KHZG-Förderzeitraum vorgesehen war, wieder abzubauen sei. Nun müsse eine Lösung gefunden werden, bevor der letzte Euro aus dem Fördertopf ausgegeben wäre.

Etablierte Prozesse - neues Denken

Nicht nur die Kliniken stehen vor den Herausforderungen die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen, auch die Hersteller sind gefordert. Sollen sie doch fristgerecht liefern und alle Auflagen einhalten – und vor allem ihren Kunden raten, was sie wie umzusetzen haben. Denn am Ende greifen die Regulierungen tief in die bestehenden, etablierten Prozesse in den Kliniken ein und erfordern neues Denken. Bernhard Calmer (Geschäftsführer CGM Clinical Europe) beleuchtete an Beispielen bedenkenswerte Aspekte: aus der Telematikinfrastruktur, dem ISiK-Verfahren als Bestätigung des interoperablen Datenaustauschs durch Informationssysteme im Krankenhaus, aber auch den noch folgenden Herausforderungen. Als einer der Vorstände des Bundesverbandes Gesundheits-IT – bvitg e. V. plädierte er für einen mehrseitigen Dialog zwischen Gesetzgeber, Selbstverwaltung, den Kliniken und der Industrie.


Patient Journeys visualisieren den Weg eines Patienten durch alle Phasen seiner Erkrankung. Durch die Darstellung einer solchen Patientenreise lässt sich auf einen Blick erkennen, wie der Markt funktioniert und welche Berührungspunkte es zwischen Unternehmen, Patienten und Leistungserbringern gibt. Die von Andreas Henkel benannte „Patient Journey“ wird sich zukünftig nicht mehr (nur) auf das Klinikum an sich, sondern auf eine Reise im gesamten Gesundheitssystem beziehen (müssen). Es geht um Augenmaß für produktives Arbiten. Dabei stellt sich die Frage: „Digitalisieren wir die Medizin“ oder „denken wir über die digitale Medizin“ nach.

Health-IT Talk
Branchenprofis tauschen sich im monatlich stattfinden Health-IT-Talk Berlin-Brandenburg verbands- und fachrichtungsübergreifend zur Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft aus. Die vier Partner (BVMI, KH-IT, SIBB, TMF) beschäftigen sich mit aktuellen Branchenthemen in Fachvortrag und Diskussion.
www.health-it-talk.de

S/4HANA Einführung zum Jahreswechsel 2021/2022 in Anbindung des klinischen Arbeitsplatzsystems Cerner i.s.h.med

 


Kostenintensive Umsetzung der Fördertatbestände 2,3, und 5

 

Startbild: (oben) Referenten Andreas G. Henkel Andreas Henkel, Leitung Abteilung Informationstechnologie im Klinikum rechts der Isar der TU München (MRI), und Bernhard Calmer, bvitg-Vorstand und Geschäftsführer CGM Clinical Europe, (unten) Moderator der Websession Adrian Schuster (BVMI).

Quelle: Wolf-Dietrich Lorenz

 


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