Gesundheitskongress des Westens: So viele neue Impulse wie nie zuvor

Kongress

Veröffentlicht 08.09.2021 17:30, Kim Wehrs

Nach zwei Tagen intensiver gesundheitspolitischer Diskussionen ist heute Nachmittag der Gesundheitskongress des Westens zu Ende gegangen. Der Kongress fand aufgrund der andauernden Corona-Pandemie mit limitierter Teilnehmerzahl vor Ort und digital statt.

Das Kongressprogramm stand unter dem Motto „System am Limit – Wie sieht der Weg in die Zukunft aus" und griff in vielen Veranstaltungen einerseits die Konsequenzen aus der Pandemie auf und arbeitete andererseits Gestaltungswege für die künftige Entwicklung des Gesundheitswesens.

Sowohl der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann als auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betonten die Stärken und die Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems. „Viele sind sicherlich an ihre Grenzen gegangen. Doch bei allen Härten und Belastungen hat unser Gesundheitssystem gezeigt, was es kann", sagte Spahn. „Es ist leistungsstark, robust und resilient."

Ähnlich sah es Laumann: „Wenn bei einer Pandemie dieses Ausmaßes ein Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen kommt, dann wäre etwas falsch." Seiner Ansicht nach ist das bevölkerungsreichste Bundesland bislang gut durch die Pandemie gekommen. Man sei jederzeit in der Lage gewesen, Patienten intensivmedizinisch zu behandeln, wenn auch nicht immer wohnortnah. „Wir waren oft nah dran am Limit und ich habe manche schlaflose Nacht gehabt. Aber die Systeme haben standgehalten", sagte Laumann.

Einen besonderen Schwerpunkt bildeten bei den Diskussionen über die Zukunft des Gesundheitswesens die Themen aus dem Krankenhausbereich. Bereits in der Eröffnungsveranstaltung hatte Laumann die bisherige Krankenhausplanung scharf kritisiert. „Eigentlich haben wir gar keine und hatten in den letzten Jahrzehnten nie eine gehabt." Das Feilschen um jedes Krankenhausbett sei zu einer unendlichen Geschichte geworden. „Das ist Anarchie, was wir in diesem Bereich erleben", so der NRW-Gesundheitsminister. „Deswegen werden riesige Geldsummen und personelle Ressourcen fehlgeleitet."

Laumann warb stattdessen für den neuen Landeskrankenhausplan, der zurzeit in die parlamentarische Phase geht und Anfang nächsten Jahres umgesetzt werden soll. Grundlage der Planung soll nicht mehr das Krankenhausbett, sondern medizinische Leistungsbereiche sein. Zugleich warnte er vor dem Scheitern des neuen Ansatzes. „Wenn die Krankenhausplanung scheitert, wird das Land keine Planung mehr machen. Dann wird der G-BA das an sich ziehen", ist er überzeugt. „Und wenn ich sehe, was die in der Notfallversorgung gemacht haben, kann ich nur sagen: Wehret den Anfängen." Anders als der G-BA seien Landesregierungen demokratisch legitimiert und könnten zudem Rücksicht auf die Unterschiede in den Regionen nehmen und damit eine wirklich gute Versorgung sicherstellen.

Der G-BA-Vorsitzender Prof. Josef Hecken glaubt nicht an eine vom G-BA gesteuerte Krankenhausplanung. Denn dazu sei eine Änderung des Grundgesetzes nötig. „Das werden die Bundesländer nicht mitmachen. Klappe zu, Affe tot", sagte er in seinem Vortrag zur künftigen Rolle des G-BA. Jedoch könnte er sich vorstellen, dass der G-BA in Zukunft strukturelle Vorgaben macht und die Bundesländer auf der Basis dieser Kriterien entscheiden, wo sie welche Leistungsmengen allokieren.

Wenn man eine Grundversorgung in der Fläche haben und elektive komplexe Leistungen an Zentren bündeln will, müssten allerdings alternative Finanzierungsinstrumente entwickelt werden. Nur so könnten kleine Standorte am Leben bleiben und müssten nicht mit elektiven Leistungen in die Menge gehen. Derzeit, so Hecken, kommt es zur einer „kalten Strukturbereinigung", wobei Häuser zumachen müssten, die man dringend bräuchte. „Das kann nicht das Modell der Zukunft sein", sagte er.

Dass eine bedarfsgerechte Krankenhausstruktur in Deutschland bislang fehlt, betonte auch der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. In seinem Exklusivinterview mit dem neuen Kongresspräsidenten Prof. Karl Max Einhäupl machte er deutlich, dass er nicht an ein schnelles Ende der DRG zur Finanzierung der Krankenhäuser glaubt. Auf die Einwände der DRG-Kritiker, die gerne als Beispiel die Feuerwehr nennen, bei der Vorhaltekosten unabhängig von den erbrachten Leistungen finanziert werden, entgegnete Spahn: „Ich habe noch nie zwei Feuerwehrwachen nebeneinander gesehen." Vielmehr sei bei der Feuerwehr klar geregelt, wer in welchem Fall was macht. „Das haben wir in der Krankenhauslandschaft nicht."

Nach Überzeugung Spahns muss geklärt sein, wer welche Leistung erbringt „Ich möchte in diesem Land nicht mehr sehen, dass ein Krankenhaus zehn Prostata-Operationen im Jahr macht", machte der Minister deutlich. „Das ist Patientengefährdung."

„Weniger ist mehr und besser", sagte Gesundheitsökonom Prof. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin. Mit Blick auf die deutlich zurückgegangenen Patienten- und Fallzahlen plädierte er für Schließung von Standorten. Die viel beschworene Erreichbarkeit darf aus seiner Sicht nicht das wesentliche Merkmal für die Gestaltung der Krankenhausstrukturen sein. „Wenn Patienten schnell in einem Krankenhaus sind, wo ihnen nicht adäquat geholfen wird, nützt dieses Gebäude, wo draußen „Krankenhaus" draufsteht, herzlich wenig", sagte er. Ein Krankenhaus dürfte aus seiner Sicht nur die Leistungen erbringen, für die es personell und technisch adäquat ausgestattet ist, wie es etwa die neue NRW-Krankenhausplanung vorsieht. Nach dieser Maxime müssten auch die Planung und die Finanzierung ausgerichtet sein.

Der Gesundheitskongress des Westens, führender Kongress für Gesundheitspolitik und Gesundheitswirtschaft im Westen Deutschlands, widmete sich auch vielen weiteren zukunftsweisenden Themenbereichen, wie etwa der Digitalisierung.

So begrüßte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann den großen Schub, den die Pandemie der Digitalisierung im Gesundheitswesen gegeben hat, sparte allerdings auch nicht mit Kritik für den langsamen Fortschritt in den Jahren zuvor: „Viele Leute im Gesundheitswesen haben die Transparenz, die durch die Digitalisierung entsteht, gescheut wie der Teufel das Weihwasser. Das ging in der Pandemie nicht mehr. Das wird auch bleiben", sagte er.

Die Digitalisierung wird ihre positive Wirkung erst noch entfalten, ist Bundesgesundheitsminister Spahn überzeugt. Als Beispiel nannte er die elektronische Patientenakte. In zwölf oder 24 Monaten werde sie schon nicht mehr wegzudenken sein. „In den 20er Jahren wird sie so sehr die Behandlung verändern, wie es sich manche jetzt nicht vorstellen können oder auch nicht mögen", erwartet Spahn

Kongressleiterin und Geschäftsführerin von WISO S. E. Consulting GmbH Claudia Küng zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf der hybrid durchgeführten Veranstaltung. „Die Teilnehmer und Referenten gehen inzwischen völlig souverän mit dem hybriden Format um", lautet ihr Fazit. Es habe außergewöhnlich viele neue Impulse gegeben. „Die Coronazeit wurde intensiv genutzt, um ganz neue Lösungsmöglichkeiten für das Gesundheitswesen zu erarbeiten", führt Küng aus. Jedes persönliche Gespräch sei außerdem so wertvoll wie nie zuvor gewesen.

Der nächste Gesundheitskongress des Westens findet wieder wie üblich im Frühjahr statt, und zwar am Mittwoch und Donnerstag, den 30. und 31. März 2022.

 

Weitere Infos finden Sie unter: https://www.gesundheitskongress-des-westens.de

Foto: Gesundheitskongress des Westens


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