KH-IT-Clubabend kritisch: Ambulantisierung – Pflicht oder Kür?

KH-IT

Veröffentlicht 16.09.2022 07:00, Wolf-Dietrich Lorenz

„Ambulant – stationär“ ist ein strategisches Thema für die Krankenhausführung. Beim Clubabend des KH-IT im September 2022 ging es um Synergien zum Ausbau des ambulanten Sektors und Perspektiven für die IT. Status quo: Für die „Patienten-Journey“lassen sich für Krankenhäuser Kosten und Kommunikationswege optimieren. Kann der Wandel eine Kur für Leistungserbringer bedeuten? Den virtuellen Informations-Austausch von der Praxis für die Praxis moderierte Andreas Lockau, KH-IT-Schatzmeister.

„Ambulantisierung“ bewegt den deutschen Gesundheitsmarkt. Krankenhäuser arbeiten intensiv an Initiativen für ambulante Leistungen. Trotz knappen Klinikpersonals und enger werdender finanzieller Spielräume geht es um eine qualitativ hochwertige Versorgung. Kosten, Personal und Interoperabilität sind Katalysatoren für einen Perspektivwechsel – ambulant und stationär.

Die Zahl der ambulant durchgeführten Eingriffe steigt an. Treiber sind die mit dem MDK-Reformgesetz  angestoßene Überarbeitung des Katalogs für ambulantes Operieren, neue sektorenübergreifende Vergütungsmodelle wie auch Fortschritte in der Medizin allgemein.

Die Verlagerung bietet Vorteile: Immer mehr Patienten bevorzugen ambulante gegenüber stationären Behandlungen, um sich auf diese Weise unter anderem einen Krankenhausaufenthalt zu ersparen. Auch die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten haben sich so weiterentwickelt, dass viele Eingriffe so standardisiert und risikolos durchgeführt werden, so dass die Notwendigkeit einer anschließenden stationären Patientenüberwachung entfällt. Nicht zuletzt bietet die ambulante Versorgung deutliche Kostenvorteile. Weil die Eingriffe im Regelfall kostengünstiger sind, haben auch die Krankenkassen großes Interesse an einer vermehrten Ambulantisierung. Wie zu hören ist,  müssen Kliniken Patienten ablehnen und auf das MVZ nebenan verweisen.

 

KIS-Anbieter müssen sich öffnen

Für die Krankenhäuser erweist sich die Entwicklung als zweischneidig. Auf der einen Seite erwarten und erhoffen sie sich Kostensenkungen, auf der anderen Seite sind damit Umsatzeinbußen verbunden. Kliniken versuchen,  Ausfälle zu kompensieren, indem sie selbst als  Erbringer ambulanter Leistungen auftreten. Ist stationär-ambulant überhaupt so einfach machbar, wenn die Schnittstellen, wenn die Interoperabilität fehlen? Voraussetzung sind leistungsfähige Schnittstellen, die nicht nur der Komplexität der verschiedenen Abrechnungssysteme Rechnung tragen, sondern auch einen möglichst problemlosen Übergang der Patienten und Patientinnen zwischen den verschiedenen Sektoren gewährleisten. Für die IT bedeutet dies, offene Fragen zum Datentransport zu lösen und die Durchgängigkeit der Systeme sicherzustellen. Die Anbieter im KIS-Bereich müssen sich öffnen und die Verknüpfung in den ambulanten Sektor bereitstellen, und wie Anwender verlangen, ohne Schnittstellenkosten. 

Digitale Patientenportale bündeln die Leistungsangebote der Klinik und sorgen für die Einbindung von Patienten. Das digitale Patientenportal kann den gesamten Prozess der Patientensteuerung durch den Klinikaufenthalt lenken. Zwar wurde mit dem KHZG eine theoretische Förderung des Ausbaus von Patientenportalen ins Leben gerufen – gleichzeitig gibt es in der IT bislang jedoch keine Standards, die solche Portale berücksichtigen würden. Es gibt viele Teilnehmer am Markt, jedoch fehlen einheitliche Kommunikationsstandards. Offenbar fehlt eine einheitliche Lösung, die allen Partnern gerecht wird.

 

Bausteine für den Ausbaus des ambulanten Sektors

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) sind eigenständige Leistungserbringer, in denen mehrere ambulant tätige Ärztinnen beziehungsweise Ärzte kooperativ zusammenarbeiten. Ist ein MVZ im Krankenhaus eingebunden, kann oftmals eine Zwangsgemeinschaft entstehen. Geschäftsführung, Ärzteschaft, IT und Datenschutz ergeben eine „zusammengewürfelte“ schwierige Konstellation, wenn es um eine gemeinsame Linie für die „Patienten-Journey“ geht. Eine Softwarelösung sollte eine komplexe Ambulanz- und MVZ-Struktur eines Krankenhauses umfassend abbilden und optimal unterstützen können.

Datenschutz und Sicherheit sorgen für Herausforderungen. Die üblichen Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung, insbesondere die Gefahr von Cyberangriffen, sind zu berücksichtigen. Einige Erfahrungen zeigen, dass die IT-Sicherheit von ambulanten Entitäten oftmals weniger ausreicht als die der stationären Einrichtungen. Bei der Kommunikation zwischen einer Klinik und einem Medizinischen Versorgungszentrum handelt es sich um zwei zu unterscheidende Daten verarbeitende Stellen. Die Übermittlung von personenbezogenen Patientendaten ist auf die jeweils erforderlichen Daten zu beschränken, die Einwilligung der Patienten muss vorliegen. Stichprobenhafte Überprüfungen haben ergeben, dass diese Vorgaben nicht immer eingehalten werden, so Datenschutzbeauftragte. Eine Datentrennung bleibt noch zu diskutieren. Die Zugriffsberechtigung auf Patientendaten für die Disziplinen gerade bei „stationär – ambulant“ ist nicht immer einfach zu klären. Datentechnisch herrscht durch getrennte Systeme mancherorts Wirrwarr vor.

 

Krankenhäuser als neue Gesundheitsdienstleister

 

Für Krankenhäuser bleibt die wichtige Zukunftsfrage, die eigene Existenz zu sichern. Antworten weisen auf einen Perspektivwechsel hin: weg vom stationär geprägten Krankenhaus hin zu einer neuen Positionierung im Sinne einer bestmöglichen Versorgung der Bevölkerung in einem sektorenübergreifenden Konzept. Dort, wo die ambulante Versorgung durch Haus- und Fachärzte (insbesondere auf dem Land) immer lückenhafter wird, könnte sich das Krankenhaus so zu einem neuen Gesundheitsdienstleister entwickeln.

Doch der Gedanke, den ambulanten Sektor auszubauen, ist an vielen Stellen noch nachzubessern. Mit ihm treten Fragen nach multiprofessionellen, sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen auf, welche gerade im ländlichen Raum zukunftsweisend sein könnten. Spannend bleibt die Frage, wie dies organisiert, gesteuert und finanziert werden soll.

 

Über den Bundesverband KH-IT

Der KH-IT Bundesverband der Krankenhaus IT - Leiterinnen/Leiter e.V. vertritt die Interessen der Krankenhaus-IT Leiterinnen und Leiter. Er macht es sich zur Aufgabe, die Stellung der IT in der Klinik zu stärken im Sinne einer bestmöglichen und wirtschaftlichen Unterstützung der Patientenversorgung. Auf verbandseigenen Veranstaltungen sorgt der KH-IT regelmäßig für den Meinungsaustausch über die Zukunft der Krankenhaus-IT und für Diskussionen über die aktuellen Entwicklungen und Trends im Gesundheitswesen.

www.kh-it.de

 

Andreas Lockau

Andreas Lockau, KH-IT-Schatzmeister, moderierte den virtuellen Austausch der Krankenhauskollegen von der Praxis für die Praxis.

 

Von: Wolf-Dietrich Lorenz


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