Oracle Cerner und SAP-Strategiewechsel: Weiterer Schlag für die Healthcare-Branche

IS-H

Veröffentlicht 22.01.2024 08:00, Kim Wehrs

Die Ankündigung von SAP im Oktober 2022, keine Nachfolgelösung für die Branchenlösung SAP Industry Solution Healthcare (I-SH) – auch bekannt als SAP Patientenmanagement – in der S/4HANA-Enterprise-Resource-Planning (ERP)-Welt anzubieten, sorgte bereits für Unruhe in der Healthcare-Branche. Auch Auswirkungen auf den Markt für Krankenhausinformationssysteme (KIS) sind bemerkbar. Jetzt bekommen Kliniken und Krankenhäuser die Auswirkungen des SAP-Strategiewechsels noch ein weiteres Mal zu spüren: Oracle Cerner hat angekündigt, die Betreuungsverträge für das Lösungspaket IS-H Reklamations-Monitor (RKT) nicht zu verlängern. Das RKT wird aus IS-H heraus aufgerufen und unterstützt die Prozesse zur Bearbeitung, Dokumentation und Auswertung der Daten im Zusammenhang mit Kassenreklamationen, Prüfungen des Medizinischen Dienstes und sonstigen Reklamationen zu einem Behandlungsfall. Es ist in vielen Kliniken unabdingbar. Aus Sicht der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) ist diese Abkündigung ein weiterer herber Schlag für die Branche. 

Als SAP im Herbst 2022 ankündigte, dass die bisherigen Funktionalitäten in IS-H für die Patientenverwaltung und -abrechnung künftig über die KIS anderer Software-Hersteller abgebildet werden müssen, war das eine Entscheidung mit Folgen. Diese spüren insbesondere auch die Häuser, die derzeit das KIS von Oracle Cerner einsetzen. „IS-H ist sehr eng mit dem von vielen Häusern verwendeten Krankenhausinformationssystem i.s.h.med von Oracle Cerner verknüpft. Dieses Produkt wird zur Gänze auf der abgekündigten SAP-Enterprise-Resource-Planning-Central-Component (ERP ECC)-Infrastruktur betrieben“, erläutert Hermann-Josef Haag, DSAG-Fachvorstand Personalwesen & Public Sector.
 

Oracle Cerner stellt Support für IS-H Reklamations-Monitor (RKT) ein 

Mit i.s.h.med werden die medizinischen Daten der Patientinnen und Patienten erfasst – von der Anamnese über die Therapie bis zur Nachbehandlung. „Aber Oracle Cerner wird den Support für das KIS ebenso einstellen“, ergänzt Michael Pfeil, DSAG-Arbeitskreissprecher Healthcare und hauptberuflich Abteilungsleiter Betriebswirtschaftliche Applikationen im Universitätsklinikum Bonn. Zwar hat Oracle Cerner angekündigt, eine Nachfolgelösung für i.s.h.med auf den Markt zu bringen. Aber wann diese Lösung einen vollständigen Ersatz der i.s.h.med-Funktionen bieten kann, ist derzeit noch unklar.

„Als wäre diese Situation nicht schon schwierig genug, hat nun Oracle Cerner angekündigt, die Betreuungsverträge für das Lösungspaket IS-H Reklamations-Moni-tor (RKT) nicht erneut zu verlängern“, so Michael Pfeil. Die Folge: Mit dem Auslaufen des Betreuungsvertrages entfällt der Anspruch auf Korrekturen und Erweiterungen zu diesem Lösungspaket. Dies gilt auch für neue gesetzliche Anforderungen.

Als Nachfolger wird die Lösung eines Partnerunternehmens empfohlen. „Das ist untragbar. Das im IS-H integrierte RKT-Tool mit Rückkopplung ins Rechnungswesen für das Reporting offener Rechnungen und sich daraus ergebender Streitwerte ist aus der Abrechnung und dem Codier-Management vieler Krankenhäuser und Kliniken nicht mehr wegzudenken. Jetzt noch ein neues Tool mit IS-H-Anbindung kaufen zu müssen, obwohl SAP die Lösung abgekündigt hat, ist inakzeptabel“, kritisiert der DSAG-Arbeitskreissprecher. Dazu fehlen definitiv personelle und finanzielle Ressourcen. Auch wenn es sich hier nur um eine sogenannte „Beratungslö-sung“ handelt, so ist das Paket Teil eines Ganzen geworden. Somit darf es aus DSAG-Sicht auch erst abgekündigt werden, wenn eine IS-H-Nachfolgelösung die Funktionalität wieder abdeckt.
 

Vertrauen in SAP und Oracle Cerner erschüttert 

Ähnlich wie die SAP-Entscheidung das Vertrauen in den Walldorfer Software-Her-steller erschüttert hat, stellt sich nun für viele Kliniken und Krankenhäuser auch in Richtung Oracle Cerner die Vertrauensfrage. „Die Ankündigung zum RKT-Tool kommt zu einem völlig falschen Zeitpunkt. Die Häuser können ihre Strategien für die kommenden Jahre so definitiv nicht festlegen“, urteilt Michael Pfeil. Die herrschenden Unklarheiten haben massive Auswirkungen auf die Planungen in allen Häusern. Aus DSAG-Sicht zeigt sich anhand der neuerlichen Entwicklungen, dass die Strategie von SAP im Healthcare-Bereich starke Auswirkungen hat und es unverantwortlich ist, wie betroffene Hersteller und Partner damit umgehen. Die aktuelle Situation fordert den bereits stark beanspruchten Gesundheitssektor zusätzlich – und das mit zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzbaren Folgen.

Dass sich die großen Hersteller hinsichtlich der weiteren Strategie nicht abstimmen, zeigt sich aus DSAG-Sicht im Handeln von SAP und Oracle Cerner. Ein Zustand, der eindeutig zu Lasten der Kunden geht, ist die Tatsache, dass Cerner von SAPs Wettbewerber Oracle akquiriert wurde. „Das wird deutlich durch die War-tungszusagen von Oracle Cerner für i.s.h.med bis 2035 und die von SAP für IS-H bis 2027 bzw. 2030. Auch nimmt Oracle Cerner jetzt Tools aus der Wartung, die für Krankenhäuser und Kliniken im SAP-Kontext relevant sind“, so Michael Pfeil. Erneut werden Anwenderunternehmen vor vollendete Tatsachen gestellt.
 

Fehler in der Kommunikation 

Die DSAG hat das Gespräch mit Oracle Cerner gesucht. Seitens des Software-Herstellers werden zwar Fehler in der Kommunikation mit den Kunden eingeräumt, jedoch könne das RKT-Tool mit dem veralteten Programm-Code aus technischen Gründen nicht über März 2025 hinaus weiter gepflegt werden. Angeboten wurde gemeinsam mit Technologiekonzern 3M einen Workshop für den Funktionsabgleich und Migrationsstrategien zu führen. 3M ist ein Partnerunternehmen von Oracle Cerner.
 

DSAG fordert von SAP stärkere Abstimmung mit den Partnern 

Die DSAG bietet dahingehend Unterstützung, dass sie DACH-übergreifend und gebündelt die Interessen der betroffenen Häuser gegenüber SAP und den mit dem Software-Hersteller zusammenarbeitenden Dienstleistern vertritt. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Dienstleister mit den Fakten zu konfrontieren. Gemeinsam diskutieren wir mögliche Lösungen und Zeitpläne. Es ist wichtig, dass Einrichtungen gemeinsam eine starke Stimme am Markt haben. Jeder für sich allein wird hier nicht viel bewirken können“, ist sich Hermann-Josef Haag sicher.

Die DSAG-Forderung in Richtung SAP lautet ganz konkret: Der Software-Herstel-ler muss sich mit seinen Partnern so abstimmen, dass die Verfügbarkeit der für die Patientenabrechnung relevanten Tools sichergestellt ist, und diese bis zum Ende der Wartung unterstützt werden. Darüber hinaus muss transparent dargestellt werden, welche Abhängigkeiten es zwischen den Lösungen gibt – und welche Auswirkungen ein Wegfall von Lösungen hat. Nur unter diesen Voraussetzungen ist eine mittelfristige Planung in den Kliniken und Krankenhäusern überhaupt möglich.

In diesem konkreten Fall lautet zudem eine klare DSAG-Forderung an Oracle Cerner: Das RKT-Tool sollte bis mindestens Ende 2027 für die Kunden uneingeschränkt bereitgestellt und gepflegt werden. Die Kunden benötigen mehr Zeit, um eine solche in das SAP-System vollintegrierte Lösung für das operative Geschehen und das in den Häusern unverzichtbare Berichtswesen zu ersetzen. Wenn Oracle Cerner das selbst nicht leisten kann, so muss das Unternehmen aus DSAG-Sicht einen entsprechenden Partner suchen, der dazu in der Lage ist.
 

Über die DSAG 

Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) ist einer der einfluss-reichsten Anwenderverbände der Welt. Mehr als 3.800 Mitgliedsunternehmen bil-den ein starkes Netzwerk, das sich vom Mittelstand bis zum DAX-Konzern und über alle wirtschaftlichen Branchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH) erstreckt. Auf Basis dieser Reichweite gewinnt der Industrieverband fun-dierte Einblicke in die digitalen Herausforderungen im DACH-Markt. Die DSAG nutzt diesen Wissensvorsprung, um die Interessen der SAP-Anwender zu vertreten und ihren Mitgliedern den Weg in die Digitalisierung zu ebnen. www.dsag.de, www.dsag.at, www.dsag-ev.ch

Hermann-Josef Haag, DSAG-Fachvorstand Personalwesen & Public Sector

Hermann-Josef Haag, DSAG-Fachvorstand Personalwesen & Public Sector


 Michael Pfeil, DSAG-Arbeitskreissprecher Healthcare,

Michael Pfeil, DSAG-Arbeitskreissprecher Healthcare,  Abteilungsleiter Betriebswirtschaftliche Applikationen im Universitätsklinikum Bonn

 

 


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