Die Architektur der IT im Gesundheitswesen neu überdenken

Management

Veröffentlicht 21.10.2021 16:30, Kim Wehrs

Die Versorgung verlagert sich von der Akutversorgung in die ambulanten Bereiche und sogar nach Hause. Gleichzeitig fordern die Bürger mehr Kontrolle über ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Und schließlich hat die COVID-19-Pandemie die Gesundheits- und Pflegeorganisationen dazu gezwungen, die Innovation zu beschleunigen und neue Modelle der Leistungserbringung zu übernehmen. Dies alles hat viel Bewegung ausgelöst, die die Gesundheitsorganisationen dazu zwingt, auch die Architektur ihrer IT-Systeme zu überdenken.


Eine Verschiebung in der Pflegeversorgung

Fortschritte bei den klinischen Ansätzen und der Technologie, Verbraucher - die Bequemlichkeit wünschen und Kostenträger - die niedrigere Kosten fordern, beschleunigen die Verlagerung der Versorgung über die klinischen Sektoren hinaus. Gleichzeitig liegt der Schwerpunkt nicht mehr nur auf Krankheit und Behandlung, sondern vor allem auf Prävention und Wellness, was die Verlagerung der Versorgung weg vom Krankenhaus noch verstärkt. Leider wurden die heute verwendeten IT-Systeme für Institutionen und nicht für Patienten entwickelt und können diese neuen Anforderungen nur schwerlich erfüllen.  


Engagierte und befähigte Patienten

Der bessere Zugang zu Gesundheitsinformationen ermöglicht es den Patienten, zukünftig selbst eine wichtigere Rolle für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu spielen. Die Leistungserbringer geben den Patienten aktiv die Möglichkeit, die Verantwortung für das Management ihrer Krankheiten mitzutragen, um die medizinischen Ergebnisse zu verbessern und die Kosten zu senken. Infolgedessen verlangen die Patienten jetzt bequeme und personalisierte Dienstleistungen, was eine große Herausforderung für die derzeitigen IT-Systeme darstellt. Die meisten Gesundheitsdienstleister haben Schwierigkeiten, mit diesen Anforderungen Schritt zu halten, was den Rückstau an nicht gelieferten Lösungen noch vergrößert. 


Die COVID-19-Pandemie

Das Gesundheitswesen ist einer der letzten großen Wirtschaftszweige, der sich digitale Technologien zu eigen machen muss, aber die COVID-19-Pandemie hat die Einführung zahlreicher digitaler Anwendungen im Gesundheitswesen, wie Telemedizin und Fernüberwachung, beschleunigt. Es wurde schnell schmerzlich deutlich, dass in einer Krise wie dieser, zugängliche, qualitativ hochwertige Daten ein entscheidender Faktor sind. Und dass Gesundheitsdaten exponentiell leistungsfähiger sind, wenn sie vernetzt, kombiniert und gemeinsam genutzt werden. Dies sind alles Trends, die schon vorher zu beobachten waren, die aber durch die Pandemie erheblich beschleunigt wurden. 


Bestehende Lösungen behindern den Wandel und schwächen das Gesundheitssystem

In einem Papier der Mayo Clinic1 wurde dargelegt, wie die IT den Anforderungen der Pflegeteams nicht gerecht wird: "Die Benutzerfreundlichkeit aktueller EHR-Systeme wurde von den Ärzten mit der Note 'F' ≤59 % Zufriedenheit bewertet, wenn sie eine standardisierte Metrik für die Benutzerfreundlichkeit der Technologie verwendeten. Es wurde eine starke Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen der Benutzerfreundlichkeit von EHR-Systemen und der Wahrscheinlichkeit eines Burnouts beobachtet." In ähnlicher Weise2 heißt es in einer aktuellen Studie der Gartner Group: "Mit unflexiblen IT-Portfolios löst sich die Fähigkeit zur geschäftlichen Differenzierung auf und die Kapazität für Innovation und Agilität schrumpft. Monolithische und unwirtschaftliche Lösungen für elektronische Gesundheitsakten (EHR) behindern heute die Bemühungen vieler Organisationen im Gesundheitswesen um digitale Transformation. Die Unzufriedenheit mit monolithischen EHR-Systemen und deren Unfähigkeit, schnell zu reagieren und neue klinische und regulatorische Anforderungen zu unterstützen, war noch nie so offensichtlich wie heute." Dem stimme ich vollkommen zu! 


Eine Architektur für die Zukunft

Um die oben genannten Probleme zu lösen, muss die IT-Architektur auf einer offenen Plattform beruhen, die ein klinisches Datenarchiv und die erforderlichen Werkzeuge zur Beschleunigung der Entwicklung neuer Anwendungen umfasst. Diese Ansicht wird inzwischen von führenden Beratungsunternehmen wie Ernst & Young (EY) und der Gartner Group geteilt. Die von ihnen vorgeschlagene Architektur basiert auf einer gemeinsamen Datenebene, einem Inventar von Anwendungen und APIs sowie den Tools, die für eine schnelle Zusammenstellung personalisierter Anwendungserfahrungen erforderlich sind.  Sowohl EY3 als auch Gartner4 sind sich über drei grundlegende Prinzipien für die Architektur der Zukunft einig: ein einheitliches Anwendungserlebnis, die flexible Bereitstellung von Anwendungen auf der Grundlage eines herstellerneutralen Datenkerns. Werfen wir einen genaueren Blick darauf. 


Ein einheitliches Anwendungserlebnis

Die derzeitige Frustration der Pflegeteams mit den aktuellen IT-Systemen ist gut dokumentiert. Diese Pflegekräfte nutzen intuitive, personalisierte und effiziente Anwendungen in ihrem Privatleben und erwarten nicht weniger von den Systemen, die sie bei ihrer Arbeit unterstützen sollen. Gartners Lösung ist ein Modell des Anwendungsdesigns, das Anwendungen als Erfahrungen versteht, die von oder für ihre Benutzer zusammengestellt werden. Der Hauptvorteil ist die Personalisierung: Funktionen und Fähigkeiten, die auf die Besonderheiten des Pflegeteams, des Patienten und der Pflegeumgebung zugeschnitten sind. Das Hinzufügen eines Designsystems ist notwendig, um die Konsistenz der Benutzererfahrung über verschiedene Module hinweg zu erreichen. 


Die flexible Bereitstellung von Anwendungen

Im Zuge des digitalen Wandels der Unternehmen wird Software immer strategischer und allgegenwärtiger. Die Nachfrage nach neuen und aktualisierten Anwendungen explodiert förmlich, und achleute, die solche Software entwickeln und betreiben können, sind Mangelware. Um dies abzumildern, haben andere Branchen den Low-Code-Ansatz übernommen, um die Bereitstellung von Anwendungen zu beschleunigen und den Rückstand zu verringern. Neben Softwareingenieuren treten auch Endbenutzer als "Bürgerentwickler" auf, die über das nötige Fachwissen verfügen, um mit Low-Code-Tools schnell die gewünschte Anwendung zu erstellen. Auch hier ist das Gesundheitswesen im Rückstand, aber dieser Ansatz ist eine der wenigen Möglichkeiten, die es hat. Um es klar zu sagen: Die Hauptarbeit wird weiterhin von Software geleistet, die von professionellen Entwicklern geschrieben wird. Mit der Weiterentwicklung neuer Tools werden diese Entwickler jedoch hauptsächlich die komplexeren Funktionen und Möglichkeiten übernehmen. 


Ein herstellerneutraler Datenkern

In dem Maße, wie die Pflege aus dem Krankenhaus verlagert wird, müssen die Daten rund um den Patienten gespeichert werden. Leider speichern die derzeitigen Systeme, die für Institutionen entwickelt wurden, Daten in proprietären Formaten. Dadurch entstehen Silos, die die Datenfluktuation verhindern und die allgemeine Nutzung der Daten erschweren. Künftige Anwendungen, Apps und Algorithmen werden auf einem herstellerneutralen klinischen Datenspeicher basieren, der eine longitudinale Patientenakte von der Wiege bis zur Bahre bietet und als einzige Quelle der "Wahrheit" für die gesamte Lebensdauer des Patienten dient. Solange die Daten eng mit den Anwendungen gekoppelt sind, wie bei den heutigen führenden EHRs, werden wir nur schrittweise Verbesserungen erzielen können. 


Wie kommen wir dahin?

Ich habe noch nie CIOs aus dem Gesundheitswesen getroffen, die keine Gesundheitsdaten in einem offenen Format haben wollten. Die Frage war immer die folgende: Wo kann ich Anwendungen kaufen, die diesen Ansatz bieten? Die gute Nachricht ist, dass viele Anbieter jetzt openEHR übernehmen, um die Daten von den Anwendungen zu trennen und sie in einem offenen, anbieterneutralen Format zu speichern.  

Dieser Wandel ist nun auch auf den Märkten mit den fortschrittlichsten Gesundheitssystemen zu beobachten. Alle vier führenden nordischen Anbieter von EHR-Systemen - die norwegischen Unternehmen DIPS und PatientSky, das schwedische Unternehmen Cambio und das finnische Unternehmen TietoEvry - verwenden jetzt ein auf openEHR basierendes Datenrepository. Ganze Städte (Moskau) und sogar Nationen (Finnland, Malta, Schottland, Slowenien und Wales) stützen ihre Gesundheitsdateninfrastruktur inzwischen auf openEHR. Dieses Jahr hat Katalonien beschlossen, dasselbe zu tun.  

In Deutschland hat sich das Medizininformatik-Konsortium HiGHmed, bestehend aus 8 Universitätskliniken und einem großen Akkutversorger für die openEHR-Datenplattform entschieden, um die unternehmensübergreifende Versorgung und Forschung zu verbessern. Die definierten Ziele „sind eng verbunden mit der Herausforderung, Lösungen innovativer, international interoperabler Datenintegration und Methoden zu integrieren und weiterzuentwickeln, um deren Mehrwert für die Gesundheitsforschung und auch die Patientenversorgung aufzuzeigen. ”5

Das klinische Datenspeichersystem Better Platform bietet die Grundlage für einen sinnvollen Datenaustausch innerhalb des Konsortiums und darüber hinaus. 

"Das Wichtige daran ist, dass wir nicht nur Forschungsdaten, sondern auch die klinischen Anwendungen, die wir auf offenen Schnittstellen aufbauen, gemeinsam nutzen können. So entsteht ein Ökosystem von Anwendungen, und das war während der Pandemie sehr praktisch, weil wir nicht nur die Daten, sondern auch die Anwendungen austauschen können, zum Beispiel das intelligente Infektionskontrollsystem", sagte Michael Marschollek, Professor für Medizinische Informatik an der Medizinischen Hochschule Hannover und geschäftsführender Direktor des Peter L. Reichertz-Instituts für Medizinische Informatik der TU-Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover.6

Viele dieser Bereiche sind sehr fortschrittlich und verfügen über jahrzehntelange Erfahrung in der Erhebung hochwertiger Pflegedaten, weshalb sie die Grenzen der derzeitigen Ansätze kennen. 

Natürlich wissen wir, dass die derzeitigen Systeme nur schwer zu ersetzen sind. Alle neuen Architekturen werden noch eine ganze Weile mit Altsystemen koexistieren müssen. Die postmoderne elektronische Patientenakte7 ist also eine Möglichkeit, die Reise in die Zukunft schon heute zu beginnen, ohne die bestehenden Systeme zu ersetzen. Sie ist perfekt auf den bimodalen IT-Ansatz abgestimmt, der Agilität und Innovation mit Stabilität kombiniert, um das Geschäft gleichzeitig am Laufen zu halten. 


Sicherheit und Datenschutz

Gesundheitsdaten müssen als ein äußerst wichtiges Gut anerkannt werden, und ihre Sicherheit und der Schutz der Privatsphäre der Patienten sollten oberste Priorität haben. Deshalb muss ich darauf hinweisen, dass offene Daten nicht gleichbedeutend mit offenem Zugang sind. Offene Datenplattformen (wie openEHR) bieten einen kontrollierten und klar definierten Zugang zu den Daten entsprechend den Richtlinien der einzelnen Organisationen. Darüber hinaus ermöglichen ihre Funktionen und Maßnahmen den Organisationen des Gesundheitswesens, die größtmögliche Sicherheit für die Daten ihrer Patienten zu gewährleisten. Außerdem bieten offene Datenlösungen einen vollständigen Prüfpfad für jeden Benutzer - alle Zugriffe und Aktionen werden nachverfolgt und sicher auf einem separaten Server gespeichert und können überprüft werden. 


Zusammenfassung

Eine neue Informationsarchitektur ist der Schlüssel zur Entfaltung der Leistungsfähigkeit digitaler Technologien und zur Schaffung des vernetzten Gesundheitssystems von morgen. Die heutigen Lösungen koppeln Daten eng an ihre Anwendungen. Da Gesundheits- und Pflegedaten lebenslang sind, müssen sie die Anwendungen überdauern, so dass eine klare Trennung zwischen beiden erforderlich ist. Die Architekturen der Zukunft werden eine herstellerneutrale Datenschicht im Zentrum haben, Low-Code-Tools zur Beschleunigung der Anwendungsbereitstellung und auf den Benutzer zugeschnittene Anwendungserlebnisse. Um die Kluft zwischen dem heutigen und dem künftigen Zustand zu überbrücken, müssen alte EHRs und neue, auf offenen Plattformen basierende Systeme nebeneinander bestehen können, was Innovationen während des Übergangsprozesses ermöglicht. 


Was ist openEHR?

OpenEHR ist eine offene Spezifikation für standardisierte Gesundheitsinformationen. Sie ermöglicht es uns, andere Anwendungen darauf aufzubauen und unterstützt das offene Plattform-Ökosystem. Darüber hinaus besteht die openEHR-Gemeinschaft aus Hunderten von Modellierern (Klinikern) aus 101 Ländern weltweit, die Datenmodelle erstellt haben, die quelloffen und frei nutzbar sind.  OpenEHR wurde bereits in Hunderten von Installationen weltweit getestet und bewährt.

Hier sind fünf verschiedene Anwendungsfälle, in denen openEHR eingesetzt wurde: 
■ eine Gesundheitsdatenplattform für elektronische Gesundheitsakten, Anwendungen und einen gemeinsamen Datenspeicher,
■ für Regierungen und eHealth-Programme, 
■ für Forschung und klinische Entscheidungshilfe, 
■ als ein Rahmen für klinische Register, 
■ für ganze Ökosysteme von Gesundheitsanwendungen und -diensten.


Über Better 

Better ist der marktführende Anbieter einer offenen Datenplattform für das Gesundheitswesen. Das Unternehmen hat die Better Deutschland GmbH im Sommer 2021 gegründet und unterstreicht damit sein Engagement, den sich schnell entwickelnden Bedürfnissen der Gesundheitsorganisationen in Deutschland gerecht zu werden. Um den bestehenden und neuen Kunden in Deutschland den bestmöglichen Service zu bieten, steht ein lokales Team von Digital-Health-Experten unter der Leitung des Geschäftsführers Björn Lehnhoff zur Verfügung. 

Als Europäisches Unternehmen arbeitet Better mit mehr als 150 Kunden in 16 Märkten zusammen und bietet digitale Gesundheitslösungen an, die klinischen Teams helfen, ihre Arbeitsprozesse zu vereinfachen und die Patientenversorgung und die Ergebnisse zu verbessern. Zu den Kunden gehören das HiGHmed-Konsortium in Deutschland, die Stadt Moskau und mehr als 30 NHS Trusts im Vereinigten Königreich, sowie die Gesundheitsverwaltungen von Slowenien und Malta. 



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1 The Association Between Perceived Electronic Health Record Usability and Professional Burnout Among US Physicians, abgerufen am 5. September unter: https://www. mayoclinicproceedings.org/article/S0025- 6196%2819%2930836-5/fulltext 
2 Predicts 2021: Healthcare Providers Must Accelerate Digital Transformation to Address Disruption, abgerufen am 5. September 2021 unter: https://w w w.gartner.com/documen t/3993573?ref=solrAll&ref val=299660984 (Registrierung notwendig)
3 As technology becomes smarter, is your hospital keeping up?, abgerufen am 5. September 2021 unter: https://www.ey.com/en_gl/ health/as-technology-become-smarter-is-yourhospital-keeping-up  
4 Gartner, Hype Cycle for Healthcare Providers, 2020, Laura Craft, Mike Jones. Veröffentlicht am 5. August 2020
5 openEHR - open data platforms in medical informatics, eine Broschüre, die von HiGHmed im Juni 2018 veröffentlicht wurde
6 Vortrag auf der Week of eHealth - Data spaces and digital transformation in healthcare, 31. August 2021, Ljubljana, Slowenien
7 The Postmodern EHR: What are the enablers?, abgerufen am 5. September 2021 unter: https://blog.better.care/2016/01/29/th ... -ehr-what-are-the-enabler



Quelle: Krankenhaus-IT Journal, Ausgabe Oktober 2021
Foto: Adobe Stock / vegefox.com


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