Deutsches Gesundheitssystem muss dringend digitaler werden

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Veröffentlicht 21.04.2022 09:00, Dagmar Finlayson

Erste Schritte sind getan, die Akzeptanz in der Bevölkerung ist vorhanden. Doch noch fehlt es an einem einheitlichen System.

Ob Fitness- und Gesundheits-Apps oder Dr. Google: Das Interesse an Telemedizin ist gewachsen, und damit auch die Akzeptanz eines datenbasierten Gesundheitsmanagements. Die Corona-Pandemie ist ein weiterer Treiber für die Digitalisierung des Gesundheitswesens, denn sie hat auch das Bewusstsein für die eigene Gesundheit deutlich mehr in den Fokus gerückt. Digitaler Impfnachweis, Rezepte, die elektronisch an Apotheken übermittelt werden oder auch die digitale Patientenakte sind Features, die bei der Allgemeinheit auf positive Resonanz stoßen. Und das zu Recht: Gerade die Pandemie hat deutlich gemacht, wie relevant die Vernetzung und Digitalisierung von Gesundheitsdaten im Bereich der Bekämpfung von Krankheiten ist. Die Analyse von großen Datenmengen kann zu lebensrettenden Maßnahmen führen.

Gleichwohl findet ein klinikübergreifender Datenaustausch kaum statt. Dem Personal der Krankenhäuser zwischen Nord- und Süddeutschland bleiben die Hintergrund-Informationen zum Gesundheitszustand ihrer Patientinnen und Patienten meist verborgen. Auch umgekehrt ist es für die Erkrankten schwer, Informationen aus der Welt der medizinischen Versorgung einzusehen. Das liegt daran, dass die Patientendaten aus den unterschiedlichen Bereichen der Gesundheitsversorgung schlichtweg nicht kompatibel sind. Die Better Deutschland GmbH, Anbieterin einer herstellerneutralen Daten-Plattform, hat sich dieser Herausforderung jedoch angenommen.

Berlin: Hier werden Daten bereits ausgetauscht

Das Unternehmen unterstützt in Berlin Krankenhäuser mit ihrer Technologie dabei, Gesundheitsdaten über Klinikgrenzen hinweg auszutauschen. Ziel ist der Aufbau eines FortschrittsHubs, um die Intraoperabilität im Bereich der Kardiologie zu gewährleisten. Dadurch sollen künftig Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich besser behandelt werden können. Das Pilot-Projekt zeigt, welche Chancen openEHR (Electronic Health Records) für das deutsche Gesundheitswesen bereithält.

Erste Schritte sind also getan, doch für ein dauerhaft leistungsfähiges Gesundheitswesen, das den heutigen Ansprüchen an eine digitalisierte Umwelt gerecht wird, bedarf es des Austausches medizinischer Daten auf ganzheitlicher Ebene. Dies kann nur durch eine bundesweit einheitliche Infrastruktur funktionieren. Mit seiner Plattform ist das Unternehmen in der Lage, dies langfristig zu gewährleisten.

London zeigt, wie es geht

Im Ausland zeigt sich, dass es möglich ist, ein allumfassendes System zu implementieren.  London hat sich Ende 2021 für eine digitale Neuaufstellung seines Gesundheitssystems entschieden: Im Zuge des Projekts „OneLondon“ vernetzen sich in den kommenden Jahren alle Gesundheitseinrichtungen der Region miteinander. Dank openEHR sind die Londoner Gesundheitsdaten dann künftig herstellerneutral und somit kompatibel und intraoperabel. Bei der Umsetzung hilft Better als Technologiepartner mit seiner offenen Gesundheitsplattform. Auch wenn ausländische Gesundheitssysteme nicht eins zu eins mit dem deutschen vergleichbar und auch wenn diese Prozesse nicht genauso auf Deutschland übertragbar sind, so zeigt das Beispiel, dass eine digitale Vernetzung möglich, notwendig und chancenreich ist. Hierzulande muss sich die Technologie an hiesige Standards anpassen; möglich ist das.

Digitalisierung des medizinischen Sektors geht alle an

Nicht nur für die Patienten, auch für Klinikpersonal und Kostenträger ist die einheitliche Umsetzung der digitalen Verwaltung relevant. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass ihr Fehlen einer der Hauptgründe für Burn-Outs bei medizinischem Fachpersonal ist. Vor dem Hintergrund, dass die Pflege zunehmend aus dem Krankenhaus in andere Bereiche verlagert wird und dass die Personalsituation ohnehin schon sehr angespannt ist, herrscht hier also in mehrfacher Hinsicht Handlungsbedarf.

Auch die Bundesregierung hat verstanden, dass die Vernetzung und Digitalisierung medizinischer Daten notwendig sind, um ein stabiles Gesundheitssystem zu gestalten: Aktuell weitet sie die Medizininformatik-Initiative (MII) durch den Fokus auf eine Interoperabilität zwischen Kliniken sowie der Zusammenarbeit mit Personal außerhalb der Krankenhäuser aus. Ziel: die flächendeckende Digitalisierung innerhalb der Gesundheitsforschung.

Herausforderungen angehen und meistern

Natürlich stellt die digitale Transformation die Kliniken erst einmal vor große Herausforderungen. Im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) sollen notwendige Investitionen mit einem Fördervolumen von 4,3 Mrd. Euro aus Bund und Ländern getätigt werden. Für die Kliniken bedeutet dies einen enormen Verwaltungsaufwand aus Antragstellung, Überprüfung und Genehmigung. Hier steht zudem die Frage im Raum, ob die Fördergelder letztlich dazu genutzt werden, den Ist-Zustand zu ändern oder eher dazu, alte Systeme aufrechtzuerhalten. Letzteres würde die Digitalisierung eher bremsen. Auch die Umsetzung des Paragrafen 75c SGB V zur IT-Sicherheit in Krankenhäusern ist aufwändig und bedarf vieler Kapazitäten. Die Implementierung von Telematik-Anwendungen sowie die Abwehr von möglichen Hacker-Angriffen sind weitere Herausforderungen für die Krankenhäuser. Für all diese Themen müssen zudem Kapazitäten in Form von Arbeitskräften gefunden werden, die diese Aufgaben angehen.

Ein weiterer ausschlaggebender Punkt ist das Verlassen des klassischen Hierarchiedenkens. Die Anwender aller Fachabteilungen müssen auf dem Weg zur digitalen Transformation frühzeitig eingebunden werden. Denn: Die Blickwinkel aller Anwender müssen vor dem Hintergrund strategischer Leitplanken unbedingt priorisiert werden, da sie diejenigen sein werden, die am Ende mit der Technologie arbeiten. Zu häufig sind IT-Entscheider und -Experten gezwungen, allein festzulegen, welche Technologien eingeführt werden.

Fazit

Es bleibt noch viel zu tun, bis wir in Deutschland von einem einheitlichen digitalisierten Gesundheitssystem sprechen können. Aber die ersten Schritte sind getan, der Bund hat die Wichtigkeit verstanden und setzt die Digitalisierung mit entsprechenden Maßnahmen zumindest in Teilbereichen um. Wenn nun noch die Hilfe einschlägiger Technologien in Anspruch genommen wird, wie beispielsweise die offene Better-Plattform, dann können langfristig ein digitales Gesundheitssystem und damit einhergehend die Entlastung von Ärzten und medizinischem Fachpersonal sowie eine deutlich verbesserte Patientenversorgung auf den Weg gebracht werden.

 

Autor:

 

Björn Lehnhoff, Geschäftsführer Better Deutschland GmbH


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